Dr. Winters Kolumne
Ein Bisschen noch
Liebe Freunde, ich kenne jede Menge unansehnlicher Zeitgenossen mit ausgesprochen lästigen Angewohnheiten wie dem Ausstoßen röhrender Geräusche ...
... bei Infekten der Atemwege oder dem bedächtigen Formulieren von Umlauten mit stark nach vorn geschobenem, zur Entblößung der oberen Zahnreihe führendem Kiefer. Aber so anstrengend diese Personen auch sein mögen, niemand von ihnen beißt seine Mitmenschen in den Hals. Dergleichen Untaten begehen bekanntlich nur Vampire. Vampire besaßen all die Jahre hindurch keinen besonders guten Ruf. Man hielt sie für hässlich, unterstellte ihnen Mundgeruch, und die Tatsache, dass sie in Särgen schliefen und sich von Menschenblut ernährten, isolierte sie gesellschaftlich. Vampire hatten es wirklich schwer. Sie waren die unansehnlichsten Kreaturen, die man sich überhaupt vorstellen konnte. An ihnen war nichts sympathisch. Man denke nur an dieses gekünstelte Lächeln in der Gegenwart wohlschmeckender, gutdurchbluteter Damen oder an ihr albernes Zischen, wenn sie ihre Zähne zum Biss freilegten. Dazu kam der vollkommen lächerliche Umhang, in dem sie herumhüpften, das spastische Zucken ihrer Krallen beim Öffnen des Sargdeckels. Ich erinnere mich, als Heranwachsender im Kino den Vampirklassiker "Nosferatu - Eine Sinfonie des Grauens" gesehen zu haben, und obwohl es ein Stummfilm war und ich mir von Anfang bis Ende die Augen zugehalten habe, konnte ich danach wochenlang nicht schlafen und bin über einen langen Zeitraum hinweg nur mit eingezogenem, zwischen die Schultern geklemmten Hals herumgelaufen. Für den Fall, dass ich einem Vampir begegnen sollte, habe ich seitdem immer eine Knoblauchknolle oder einen spitzen Holzpfahl zur Hand. Wie gesagt, Vampire waren das Letzte. Das alles hat sich jedoch gründlich geändert. Plötzlich, über Nacht sind Vampire gesellschaftsfähig geworden. Heute begegnen sie einem ja überall, auf Postern, Titelblättern, Bildschirmen. Heute ist man ja enttäuscht, wenn sich auf einer Party kein blutsaugender Rumäne unter den Gästen befindet. "Was? Kein Vampir ist da? Was ist denn das für eine Sauerei! Na, dann gehe ich wieder!" Dass es so gekommen ist, liegt einzig und allein an Stephenie Meyer, die mit ihren Romanen "Biss zum Morgengrauen", "Biss zur Mittagsstunde", "Biss zum Abendrot" und deren Verfilmungen am herkömmlichen Bild der Vampire einen drastischen Imagewechsel vorgenommen hat. Neuerdings sind Vampire gutaussehend, heißen nicht mehr Drakula sondern Edward oder Carlyle. All das Bleiche, Käsige ist von ihnen gewichen. Sie tragen Designerklamotten und fahren Sportwagen. Angesichts derartig massenkompatibler Vampire kann einem ja glatt die Angst vergehen. Ich rate trotzdem zur Vorsicht und werde meinen Holzpflock so schnell nicht aus der Hand legen. Biss zum nächsten Mal!
Euer Doktor van Helsing Stoker Winter

