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Dr. Winters Kolumne

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Zwischen Delirium und Läuterung


Liebe Freunde,
seitdem ich damals zum Schützenfest in Unterviechbach beim Biertrinken das Bewusstsein verloren habe, und von dieser wunderschönen blonden Ersthelferin reanimiert worden bin, glaube ich an übersinnliche Wahrnehmungen. Weil es ein überirdischer Augenblick gewesen ist, und meine Retterin eindeutig nicht von dieser Welt war. Ihr hättet sie einmal sehen sollen! Engelsgleich! Bisher bin ich ja immer von zentnerschweren Rettungsassistenten ins Leben zurückgeholt worden. Ob das nun in Hopfenhausen oder in Malzfeld oder in Rauschheim gewesen ist. Immer waren es junge, kräftige, resolute Männer, die "der ist hin" gesagt, mir zwei Mal kräftig ins Gesicht geschlagen und mich dann an eine Hauswand gelehnt haben. Diese Methode hat auf ihre Weise auch geholfen.
Aber in Unterviechbach ist es anders gewesen, in Unterviechbach habe ich während der Reanimation eine höhere Ebene erreicht, in Unterviechbach bin ich einem Engel begegnet. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Seitdem bin ich geläutert. Heute schäme ich mich für meine damaligen unsäglichen, einem tagelangen Delirium zuzuschreibenden Eskapaden. Ich war ja so peinlich. Immerzu habe ich mit wildfremden Leuten Brüderschaft getrunken, auch dann, wenn ich längst nicht mehr wusste, wie ich heiße. "Ich bin der…", habe ich gerufen, "na, ist ja auch egal!" Meistens ist mir mein Name auch während der darauffolgenden zwei Wochen nicht wieder eingefallen. Und dann habe ich permanent meine Jacke irgendwo liegen lassen. Meine Jacke oder meine Hose. Häufig auch beides. Manchmal habe ich ganz verzweifelt nach meinem dritten Schuh gesucht, obwohl ich doch nur zwei Füße habe. Oder ich habe unter Aufbietung aller meiner Kräfte versucht, meine Mütze abzusetzen, weil ich vergessen habe, dass ich überhaupt keine Mütze besitze. Nach dem sechsten Bier habe ich mich, wenn ich ein paar Schritte gehen wollte, von Stuhllehne zu Stuhllehne hangeln müssen. Aber selbst wenn ich, weil ich nicht mehr aufrecht gehen konnte, mit der Stirn gegen die Messingknäufe der Toilettentür gelaufen bin, habe ich mich immer wieder bis zur Theke schleppen können und ein weiteres Bier bestellt. Das dreiundzwanzigste oder vierundzwanzigste.
Den Wirtshäusern ist es, wenn ich eingekehrt bin, immer sehr gut gegangen. Mir nicht so besonders. Ihr macht euch ja kein Bild, wie übel mir jedes Mal gewesen ist. Aber es hat immer erst dann ein Ende gefunden, wenn ich zusammengebrochen bin. Wie eben in Unterviechbach. Aber dort haben sich, nicht wie üblich, zwei Rettungssanitäter meiner erbarmt, sondern ein Engel. Ich habe die Augen aufgeschlagen und dieses unbeschreiblich schöne Wesen über mir gesehen, das "Was tut denn weh?", gefragt hat. "Alles", habe ich geantwortet. "Na, sowas!", hat sie erwidert und mich in die stabile Seitenlage verfrachtet. Und dann hat sie mir mit ihrer federleichten Hand über die Stirn gestrichen, "Das wird schon wieder!" geflüstert, leicht mit den Flügeln geschlagen und ist davongeflattert. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen.
Ich muss ein neuer Mensch werden, habe ich gedacht, ein völlig neuer Mensch! Seitdem gehe ich nur noch mit der Wünschelrute über die Straße und habe mich mehreren Esoterikzirkeln angeschlossen. Dort bin ich unter lauter Leuten, die mir ausschließlich mit einem breiten Lächeln begegnen. Das Lächeln ist so breit, dass ich manchmal befürchte, ihr Gesicht reiche dafür nicht aus. Die meisten von ihnen bewegen darüber hinaus ihre Pupillen aufgeregt hin und her. Meistens in unterschiedliche Richtungen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie froh mich das alles macht. Außerdem male ich Mandalas mit Buntstiften aus und esse Bananen, ohne sie vorher geschält zu haben. Überhaupt achte ich jetzt wesentlich mehr darauf, womit ich mich ernähre. Meinen Fleischkonsum habe ich auf vier Mahlzeiten pro Tag reduziert. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Aber auch, wenn ich jetzt ständig Hunger habe, fühle ich mich großartig dabei. Weil ich ausreichend Ballaststoffe zu mir nehme. Eicheln, Bucheckern und sowas. Mit dem Biertrinken habe ich allerdings noch nicht völlig aufhören können. Nein, das nicht. Aber jetzt halte ich mich dazu in der Nähe von Kornfeldkreisen auf. Ihr macht euch kein Bild, welche Masse an Energie mich dann durchströmt. Manchmal, nach dem dreiundzwanzigsten Bier, sehe ich auch Ufos. Und wenn ich dann noch einen Schnaps trinke, nehmen sie mich sogar mit. Entspannt euch!

Euer Doktor Kleuker Sartorius Winter


Bild: Torsten Reineck