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Dr. Winters Kolumne

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Staubsauger und grüne Strumpfhosen


Liebe Freunde,
Eines Tages, ich muss so drei, vier Jahre alt gewesen sein, kamen meine Eltern zu mir ins Kinderzimmer und setzen sich auf zwei der für sie viel zu kleinen Kinderstühle. Meine Mutter fiel mehrmals herunter, und mein Vater schlug fortwährend mit dem Kopf gegen die Wand, weil sein Stuhl immer nach hinten kippte. Dabei riss er das "Bummi"-Poster herunter, aber das machte mir nichts aus, weil ich es schon immer doof gefunden hatte. Bedenklicher erschien mir der Umstand, dass sie mir irgendetwas von beachtlicher Tragweite mitzuteilen hatten, etwas, das damit zusammenhing, dass ich ihnen auf die Nerven ging, weil meine permanente Anwesenheit ihren Bewegungsspielraum drastisch einschränkte. "Hättest du nicht Lust, zur Armee zu gehen?", fragte mein Vater plötzlich. "Oder in ein Kinderheim?", fragte meine Mutter. "Oder zur Schule?", erkundigte sich mein Vater. "Ich bin drei", gab ich zu bedenken. Zuletzt war ihnen der Kindergarten eingefallen.
Im Kindergarten sah ich zum ersten Mal andere Kinder. Sie waren so etwas wie ein drittes Geschlecht. Eines, das grüne Strumpfhosen trug, und immerzu einen Hügel hinauf und hinab lief. Ich konnte sie nicht leiden, und die Kindergärtnerinnen auch nicht. Denn die Kindergärtnerinnen waren böse, und zwangen die Kinder, Milchreis zu essen. Milchreis oder Puddingsuppe mit Haut obendrauf. Das Furchtbarste am Kindergarten aber war der Hausmeister. Der Hausmeister trug einen Kittel aus blauem, ausgewaschenem Stoff, und seine Hände rochen nach Terpentin, und sein Gesicht war so zerfurcht, dass es schien, er besäße drei Gesichtshälften. Das Entsetzlichste am Hausmeister aber war sein Staubsauger. Der Staubsauger dröhnte lauter als jedes Kraftwerk und saugte die Dinge in ein schreckliches Nirwana. Wenn man nicht aufpasste und zu nahe an den Schlauch geriet, konnte es geschehen, dass man von ihm erfasst und in einen staubigen Andromeda-Nebel aus völlig verdreckter Materie geriet.
Im Kindergarten gefiel es mir auch nicht so besonders, aber mein Dasein in einem Universum aus schmutzigen Fusseln zubringen zu müssen, flößte mir maßlose Angst ein. Einmal, an irgendeinem Vormittag, kam ein Junge zu mir, er hieß Holger. "Willst du mit mir spielen?", fragte er. "Warum?", fragte ich zurück. Da ist er heulend weggelaufen, und ich bin hinüber zu dem Hügel in der Mitte der Spielwiese gegangen, dorthin, wo das Klettergerüst stand, und habe mich siebenundfünfzig Mal herunterrollen lassen. So lange, bis eine der bösen Kindergärtnerinnen gekommen ist. "Aber sonst geht es dir gut?", hat sie gefragt. "Nein", habe ich geantwortet. Da hat sie mich an der Schulter gepackt und zu sich herüber gezerrt. "Zieh deine Strumpfhose hoch!", hat sie befohlen, das sieht ja schlimm aus!" Ich habe die Strumpfhose hochgezogen, aber es hat keineswegs besser ausgesehen, kein bisschen. Es war so peinlich. Alle Kinder haben begonnen, zu mir herüber zu glotzen, und ich stand da in meiner bekloppten grünen Strumpfhose.
Ich habe später nie wieder "warum" gefragt. Wer warum fragt, rührt an der Absurdität unseres Seins. Warum leben wir, warum rast unsere Erde durchs All, warum bin ich einen Meter zwanzig groß und trage eine Strumpfhose, unter der sich meine spitzen Knie auf das Entsetzlichste abzeichnen? Man muss es nicht wissen. Übrigens wollte der Junge, der Holger hieß, schon am nächsten Tag wieder mit mir spielen. Da habe ich, um ihn abzuwimmeln "Ich spiele nicht mit fetten Kindern!", gesagt, woraufhin er mir zwei Mal in den Magen geboxt hat. Soviel dazu. Der Kindergarten ist mir eine Lehre fürs Leben gewesen, denn viel schlechter ist es später auch nicht geworden, und wenn ich euch einen Tipp geben kann, dann diesen: Hütet euch vor Staubsaugern und grünen Strumpfhosen!
Euer Doktor Montessori Summerhill Winter


Bild: Torsten Reineck