Hier spricht Ming Cheng
Leben im Laden
Buntes Treiben überall, es duftet nach Gebratenem und frischem Obst, zwischendurch ein Hauch von Motorenöl, es klappert und hämmert, es klingelt und schnattert.
Könnte eine Straßenszene in der Karli sein, ist aber eine in der Yongnian-Straße, einer kleinen Seitenstraße in Shanghai, die sich praktisch in jeder chinesischen Stadt befinden könnte. Dutzende kleiner Geschäfte, kaum größer als eine Garage, liegen dicht an dicht. Minirestaurants, in denen einfache, aber leckere Gerichte serviert werden, Obstläden, in denen es Früchte gibt, von deren Existenz wir in Deutschland keine Ahnung haben, Mofawerkstätten, aber auch Zeitschriftenläden, Geschäfte des täglichen Klimbims mit allerlei Kleinkram, von Anhängern für Handies bis zu Zigarettenetuis, oder DVD-Läden, in denen Raubkopien verkauft werden. Meistens arbeiten in so einem Geschäft mehr Leute als bei uns in einem Supermarkt. Gewohnt wird über dem Laden in einer kleinen Wohnung oder in einem Hinterzimmer, manchmal auch im Laden selbst. Geöffnet ist sieben Tage die Woche und das bis spät in die Nacht. Ein neuer Kinofilm auf DVD am Sonntag um 21 Uhr? Kein Problem! Und kostet nicht mal einen Euro. Mit dem schlechten Gewissen, internationale Kopierrechte verletzt zu haben, müsst Ihr dann klarkommen. Das klingt alles recht romantisch, ist es aber natürlich nicht. Man muss kein Genie sein, um sich auszurechnen, dass bei so einer Geschäfts-praxis nicht viel hängen bleibt. Die Leute haben genug zum Leben, mehr auch nicht. Für ein Auto oder eine Reise reicht es nicht. Auch exzessives DVD-Shopping ist meist nicht drin, trotz der günstigen "Alternativversionen". Für diese Mühen würde in Deutschland keiner aufstehen. Aber warum tut man es dann in China? In meiner Heimat gibt es kein soziales System wie in Deutschland, d.h., wenn die Leute nicht arbeiten, dann gibt es auch kein Geld. Und weil es viele Leute in China gibt, und die alle irgendwie ihre Schüssel mit Reis füllen wollen, müssen sie sich was einfallen lassen. So ein kleiner Laden bringt Beschäftigung, man ist sein eigener Boss und verdient seinen Lebensunterhalt. Zudem sind die Leute meist recht zufrieden mit ihrem Leben. Wenn nix los ist im Geschäft, spielen sie mit ihren Nachbarn Karten auf der Straße oder halten ein Schwätzchen. Doch bevor jetzt Westerwelle auf komische Ideen kommt, auf Deutschland lässt sich das nicht übertragen. Zum einen bräuchte es hier ganz andere Genehmigungen zur Geschäftseröffnung als in China und sind hier die festen Kosten pro Monat für Miete oder Krankenkasse so hoch, dass solcherart Geschäft gar nicht funktionieren würde. Eigentlich schade, vor allem auf dem schönen Lande, wo es zum großen Teil gar keine Läden mehr gibt, weil es sich für die großen Ketten nicht lohnt.

