Dr. Winters Kolumne
Golem in der Klasse
Liebe Freunde, wenn die Strahlen der Spätsommersonne durch meine Praxisfenster scheinen, übermannt mich eine nostalgische Stimmung. So erinnerte ich mich kürzlich an meine Schulzeit, daran, dass wir Anfang der Siebenten einen neuen Mitschüler bekamen. Unser Klassenlehrer stellte ihn uns vor: "Er heißt Golem", und Golem stand etwas verlegen vor der Klasse. Herr Blumtritt sagte, Golem solle sich auf die Bank hinter Margitta setzen. Hinter Margitta waren zwei Plätze frei, und das war gut so, denn Golem hätte nie auf nur einem Stuhl Platz gefunden. Dazu war er viel zu groß. Selbst Herrn Blumtritt überragte er um einen halben Meter, und Herr Beier, unser Sportlehrer, machte von Anfang an einen Bogen um ihn. Golem quetschte sich also in die Bank und glotzte über unsere Köpfe hinweg nach vorn. Wenn er sich bewegte, krachte die Bank unter ihm. Dann kicherten einige von den Mädchen, und als Golem es bemerkte, lief er rot an. In der Pause gingen Herbert, Bernd und ich zu ihm hin. "Na, Golem", sagte Bernd, "wo kommst du denn her?" Golem zuckte mit den Schultern. "Hast du noch Geschwister?", fragte Herbert. Keine Antwort. "Und deine Eltern?" Golem warf uns einen verständnislosen Blick zu. Da fragten wir nicht weiter. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass er nicht besonders helle im Kopf war. Wir merkten es zum Beispiel daran, dass er Trickfilme für die Wirklichkeit hielt. Er war immer ganz aufgeregt, wenn er einen gesehen hatte. "Habt ihr gestern den Bericht aus Entenhausen gesehen? Der war ja interessant. Eines steht fest: Da muss ich unbedingt mal hin!" Wir ließen ihm seinen Glauben. Die Sache mit den Trickfilmen war schließlich nicht sein einziges Defizit. So richtig hübsch war er nämlich auch nicht. Sein rechtes Auge ging nicht ganz auf, und sein linker Arm schleifte beim Gehen auf dem Erdboden. Das sah vielleicht aus! Klarer Fall, dass wir uns darüber lustig machten. Allerdings nie in seiner Gegenwart. Weil er so stark war. Und so groß. Golem aß unheimlich viel. Nicht nur Nahrungsmittel. Auch deren Verpackungen, und was sonst so herum lag.
"Mensch, Golem", fragte Herbert, "warum bist du eigentlich immer müde?" "Weil ich kaum zum Schlafen komme", sagte Golem, "ich habe die ganze Nacht über zu tun!" "Wirklich? Was machst du denn die ganze Nacht?" "Unruhe stiften und Leute erschrecken." "Stark!", sagte Herbert, "suchen die bei euch noch Leute?" "Kannste vergessen!" "Warum?" Golem verpasste Herbert einen leichten Schubs, woraufhin der in hohem Bogen das Klassenzimmer durchquerte. "Verstehe", sagte Herbert. Golem blieb nur ein Jahr bei uns. Weil er die siebente Klasse nicht bestanden hatte, wurde er in die sechste zurück versetzt, von der sechsten in die fünfte und immer so weiter. Er verließ die Schule mit dem Abschluss der ersten Klasse, besaß jedoch mehrere Urkunden eines Fitnessstudios. Nach der Schule verlor ich Golem aus den Augen. Obwohl er so groß war. Später habe ich dann erfahren, dass aus ihm in Prag eine Berühmtheit geworden ist. Euch allen ebenso überaus nette Klassenkameraden wünschend verbleibe ich
Euer Doktor Homunkulus Frankenstein Winter

