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Mario Thiel Mario Thiel

Vorsicht Thiel!

Werbung ist so simpel


Sommer gut überstanden? War ja kein so schlechter, jedenfalls was das Wetter betrifft. Allerdings war ich kurz davor, eine Anzeige wegen Belästigung zu erstatten. Mal ehrlich, es ist doch eigentlich unfassbar, an jedem Baum ein Gesicht sehen zu müssen, welches man gar nicht sehen will. Das ist ja wie ein Fernseher, der nur noch den MDR zeigt, egal was ich drücke, und dabei nicht auszuschalten ist. Okay, der Vergleich hinkt etwas, weil das ja fast Körperverletzung wäre … Selbst als ich es einmal geschafft hatte, alle Bäume zu ignorieren (vom Postplatz über den Altmarkt bis zum Hauptbahnhof gar kein Problem), lag dann zu Hause Post im Briefkasten, von genau den Larven, die ich nicht sehen wollte. Davon abgesehen, dass man bei manchem Plakat nicht gleich wusste, ob der glückliche Mensch demnächst beim Herbstfest der Volksmusik dabei sein wird oder gewählt werden wollte. Sollten das Wahlplakate gewesen sein, dann frage ich mal schüchtern, warum ich jemanden wählen sollte, von dem ich nur das Gesicht kenne, mit dem Zusatz "Herbst". Steht der mit ganzer Kraft für Jahreszeiten? Wobei das schon fast eine Aussage war. Aber was ist Gesicht plus "Piwarz". Ein anderes Plakat rief "Opa Karl". Feiert der Geburtstag? Und was sind "Die Sachsenmacher"? Extremstecher mit Top-Sachsen-Chromosomen? Intellektueller Höhenflug war für mich: "Keine Faxen. Für Sachsen." Knallharte Aussage gegen das Faxen oder was? Mal ehrlich, früher hatten Wahlplakate wenigstens kurze Inhalte, manche waren sogar etwas humorig. Aber diesmal war das wie DSDS: Mittelmaß bekämpft sich mit mittelmäßigen Mitteln. Dabei ist Werbung so simpel! Man fährt in den Urlaub, lässt für einen völlig sinnlosen Termin seinen Dienstwagen und seine Assistentin nachkommen, den Wagen wiederum lässt man sich klauen und gibt das an die Presse. Es sollte nun wohl keinen Bürger mehr geben, dem der Name Ulla Schmidt nichts sagt. Die Ullala ist zum Trullala mit'm Dienstwagen da. Okay, man benötigt einen Dienstwagen, eine Assistentin, einen sinnlosen Termin und sollte das auf Steuerzahlerkosten tun. Aber sonst? Kaum Werbekosten, volle Presse und nun erstklassige Bekanntheitswerte. Glückwunsch! Wer sagt denn, dass zur Politik Beliebtheit gehört? Die Ullala ist doch nur die Spitze des Eisberges. Warum hat der Fahrer sich bei dem Auftrag nicht an die Birne gefasst? Vorauseilender, blinder und damit dummer Gehorsam? Hat es keinen im Umfeld der Ullala gegeben, der diese Geschichte etwas absurd fand und sie darauf hinwies? Es war legal, rechtens und nicht zu beanstanden! Wie bekloppt sind wir denn, so etwas nicht unter dekadent oder asozial einzustufen? Dummheit, Frechheit und Arroganz sind also gar kein Problem, wenn sie durch Paragrafen gedeckt werden? Zum Glück steht unseren Abgeordneten kein Space-Shuttle zur Verfügung - die würden selbst kurze Strecken damit fliegen. Insgeheim fluchen die jetzt: Wenn das Scheißvolk nicht wäre, könnten wir machen, was wir wollten. Da ist Dresden schon viel weiter. Voller Stolz hat Frau Oberin Blümchen gepflanzt, regelrecht auf dem Postplatz, also nicht in diesen, weil der nämlich komplett versteinert ist. Die Frage, welches ungesunde Hirn so eine Steinwüste erdenkt und gestaltet, braucht man gar nicht zu stellen. In Dresden planen nämlich keine Architekten, sondern Fördermittel! Und auf dem Postplatz sahen die Fördermittel kein grünes Gelumpe vor. Am Käthe-Kollwitz-Ufer ebenso wie am Terrassenufer wurde deshalb bei der Sanierung nach der Flut auf richtige Parkbuchten für Touristenbusse verzichtet. Wer konnte auch ahnen, dass die Touristen genau dort halten, wo man gegenüber Schlösser sieht bzw. direkt in die Dampfer steigen kann. So hat man zwar ein wenig Unfallrisiko, ein klein wenig Verkehrschaos, dafür aber viele Fördermittel. Ich habe Angst, dass die den Zwinger abreißen, wenn dabei die Aussicht auf Fördermittel besteht. Wahrscheinlich haben wir aber Glück und es gibt gerade nur Fördergeld für Tunnel, natürlich außer Elbtunnel. Baubürgermeister Jörn Marx (CDU) hat regelrecht den Tunnelblick, der dummerweise einen Weitblick ausschließt. Höhepunkt ist dabei neben vier (!) Tunnelvorschlägen seine Frage: Warum nicht die Wilsdruffer Straße generell autofrei machen? Ganz einfach, Du Vollprofi, weil wir gerade eine Tiefgarage unter dem Altmarkt eröffnet haben, die Schlossstraße nach 60 Jahren ohne Autos für den Autoverkehr geöffnet wird und jegliche Fußgängerzonen-Ideen genau von Deinen Parteifreunden in den letzten 20 Jahren verteufelt wurden. Aber woher soll er das wissen, der Gute? Er ist ja nicht von hier … Leider merkt man das auch! Aber ich möchte nicht nur meckern, sondern auch mal loben und zwar den Jörg, den Schönbohm (CDU), den Innenminister von Brandenburg. Der sprach das Hauptproblem im Osten deutlich an. Die Sitten seien verwahrlost, die Moral liege am Boden und mit mehr Bekenntnis zum Christentum und seinen Werten sähe die Welt gleich viel besser aus. Er hat mit ganz einfachen Mitteln (andere hat er auch nicht) erklärt, warum in Sachsen 48 Prozent der Menschen nicht wählen waren, fünf Prozent für die NPD stimmten und eine Landesbank ruiniert wurde, wofür das Volk noch lange bürgen wird. Jörg, mein Guter: Erstens wird fast der ganze Osten von Christdemokraten wie Dir regiert. Zweitens ist nach der Wahl vor der Wahl. Und drittens könnte man so langsam wieder über die schöne christliche Tradition der Hexenverbrennung nachdenken …
Ciao, Mario


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade