Zug der Freiheit
Erinnerungen an Haltepunkten
Vor 20 Jahren ging die DDR unter. Noch heute streiten sich Beteiligte und Unbeteiligte darüber, ob dies nun eine "Friedliche Revolution", eine "Wende" oder ein "Kollaps" war.
Unberührt davon bleibt jedoch der Fakt, dass der Flucht von DDR-Bürgern in die Prager Botschaft der Bundesrepublik und deren anschließende Ausreise über das Gebiet des "ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschen Boden" eine besondere Bedeutung in den Umbrüchen des Jahres 1989 zukommt. Kaum ein anderes Ereignis hat für so viel Medienaufmerksamkeit im Westen und Unruhe im Osten gesorgt.
Erinnern wir uns: Im Spätsommer 1989 überwanden ausreisewillige DDR-Bürger die Zäune und Tore der Prager BRD-Botschaft. Zeitweilig lebten bis zu 4.000 Flüchtlinge unter abenteuerlichen Umständen auf dem Gelände und im Gebäude. Am 30. September verkündete der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Botschaft die Zustimmung der DDR-Regierung zur Ausreise. Aus völkerrechtlichen Gründen - so zumindest die offizielle Erklärung - mussten die Flüchtlinge allerdings über ostdeutsches Territorium in die Bundesrepublik einreisen. Und so fuhren mehrere Züge von Prag über Dresden, Freiberg, Karl-Marx-Stadt und Plauen ins bayrische Hof. Die Staatsführung ließ die Strecke mit unvorstellbarem Aufwand sichern, damit niemand auf die Eisenbahn in die Freiheit aufspringen konnte.
Mirko Sennewald, damals ein Teen-ager im sächsischen Freiberg, kann sich genau an den Tag erinnern, als die Züge durch seine Heimatstadt rollten. "Mein Vater kam an dem Tag nicht wie üblich nach Hause. Er war bei der Kampfgruppe und musste die Strecke sichern." Neugierig, wie junge Menschen nun mal sind, hielt Mirko nichts daheim, er ging zum Bahnhof, um von dem Ereignis etwas mitzubekommen. Das Gebäude war großräumig umstellt, aber als Ortskundiger konnte er ziemlich nahe ran gelangen. Irgendwann ließ die Staatsmacht scharfe Hunde von der Leine, und Mirko musste die Beine in die Hand nehmen. Die Flucht in die Unterführung am Bahnhof rettete ihn vor Schlimmerem.
"Am nächsten Tag hatten wir Wehrkundeunterricht in der Schule", erinnert sich Mirko, "und unser Lehrer hat gefragt, wer am Zug war. Ich hab mich natürlich gemeldet und bin dafür total zusammengestaucht worden", erzählt er mit einem Grinsen im Gesicht. Das Erlebnis hatte für ihn keine Konsequenzen - 14 Tage später war der Wehrkundelehrer weg, anderthalb Monate später fiel der "Antifaschistische Schutzwall" und ein Jahr später war die DDR verschwunden.
Heute ist Mirko Sennewald in Dresden bekannt für seine Arbeit im Kultur Aktiv. Der kleine Verein hat sich seit Jahren schwerpunktmäßig den kulturellen Austausch mit Osteuropa auf die Fahnen geschrieben. Das Jubiläum der spektakulären Ausreise nutzen die Kulturaktivisten, um ein einzigartiges Event auf die Beine zu stellen, den "Zug der Freiheit".
Die Idee: Ein Sonderzug mit fünf historischen Wagen fährt mit den Botschaftsflüchtlingen von 1989 erneut die Strecke von Prag nach Hof. Die einzelnen Waggons fungieren als Kunsträume: Zu sehen ist eine Ausstellung der österreichischen Agentur Anzenberger mit 170.000 Arbeiten von über 200 Fotografen aus der ganzen Welt, Kai-Uwe Kohlschmidt, Sänger von Sandow ("Born In The G.D.R."), präsentiert sein Hörspiel "Im Feuer", an den Stationen werden die Dresdner Sinfoniker spielen, und der weißrussische Fotograf, Architekt, Publizist und Herausgeber der bislang einzigen unabhängigen Kunstzeitschrift seines Landes ("pARTisan"), Artur Klinau, zeigt totalitären Kitsch. Zu sehen ist außerdem ein Almanach staatlich unerwünschter Literatur, Malerei und Grafik, der die Aktivitäten des Untergrunds der DDR und anderer Staaten des ehemaligen Ostblocks beleuchtet sowie eine Leihausstellung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) zu den konkreten Ereignissen im Zug in die Freiheit.
Zusätzlich präsentieren sich Zeitzeugen in Interviews und Jugendgruppen aus Sachsen und den mittel- und osteuropäischen Staaten mit weiteren Projekten. An den Haltepunkten findet ein kulturelles Rahmenprogramm statt. Mitfahren kann leider keiner mehr, den Stopp in Dresden sollte aber niemand verpassen!
www.kulturaktiv.org

