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Krystallpalast-Varieté Krystallpalast-Varieté

Krystallpalast-Varieté

Die Morgen der Artisten


Logisch erscheint der Gedanke, dass bei internationalen Shows nicht alle Künstler die selbe Sprache sprechen, außer die der Kunst hoffentlich.

Nun aber nicht nur im Programm müssen sie miteinander, denn meist werden sie auch im selben Hotel einquartiert. Diesen Umstand nutzen die Regisseure Urs Jäckle und Olivier Taquin und zeigen uns den Morgen der Artisten in der Pension. Da geht nach dem Aufstehen das Streiten schon los: Welcher Radiosender soll's sein? Fetzen französisch, broken english, italiano, svenska, chinesisch? Türen knallen. Die Uhr läuft falsch. Einer hat auf dem Sofa geschlafen. Noch nicht mal allein! Einem rutscht das Handtuch vom Arsch. Und die Toilette ist immer besetzt. Das ist der Wahnsinn! Natürlich.
David und Fofo jonglieren von Mund zu Mund mit den Bällen, sie kennen sich lange, und gehen danach in die Luft. Auch im Hängen sind sie ein Paar, das Staunen macht. Je nun, sie waren die beiden, die's Bett nicht mehr fanden. Ember nimmt sich's Frühstücksbrot und streckt sich dann auf dem Tisch aus. Die Zehen kratzen die Ohren. Der Mund küsst den Po. Bewunderungswürdig, unsereiner ist froh, wenn's die Füße morgens ins Bad schaffen. Aber die Ember … Les Zenkrolees rocken den Saal. Solche Mädels holen einen unter der Decke hervor und machen mit Milchbechern Rhythmus. Da ist an Schlaf nicht zu denken, und der schönste Tag kann beginnen. Mal ehrlich, könnt' ich gebrauchen. Was zum Essen serviert Petite Neige, eine Dame aus China. Und während sie sechs Teller auf Stöckchen umkreisen, krabbelt sie über den Tisch und dreht sich anmutig um die eigene Achse, fortan wirft sie Meteore zum Himmel und fängt sie wieder auf. Solch Kellnerin lob ich. Die Brüder Taquins mimen Musik, was heißt, sie hören Film und werden von ihren Gefühlen förmlich übermannt. Besser noch, sie tanzen wie Püppchen in der Spieldose. Da kann keiner mehr Mensch und Mechanik visuell unterscheiden. Und in dieser Morgenhektik zerhäckselt Gaetan Bloom Obst und Gemüse. Das matscht in der Kiste, die aber bleibt trocken und die Skatkarte war in der Kiwi versteckt. Kaum zu begreifen, aber bezaubernd. Emiliano Ferri kommt immer zu kurz, er muss die Uhr mit der Zeit in Übereinstimmung bringen. Dumm nur, keine Leiter reicht hin. Doch dann nimmt er eine und tanzt drauf. Schließlich singen alle Artisten Lieder. Besser kann kein Tag beginnen. Setzt mich auf die Liste der Mieter!
"Durchgedreht" nennt der Krystallpalast das Programm, aber neben der Mütze wirkt keiner der Künstler. Der Abend, der ein Morgen war, hat Stil und bietet Artistik in erstaunlicher Einheit. Mehr davon! Doch leider gehen zum Schluss alle wieder ins Bett.


www.krystallpalast.de


Wort: Henner Kotte / Bild: Tom Schulze