Dr. Winters Kolumne
Liebenswerte Leute
Liebe Freunde, die unentwegt auf uns einstürzende Unzahl an visuellen Reizen zwingt uns, unsere Umgebung unaufhörlich zu beobachten. Jeder von uns ist ein kontinuierlicher Beobachter, weil ja ständig etwas geschieht, das beobachtet werden will, weil man ohne Unterlass einer Flut von Vorkommnissen ausgesetzt ist, die beobachtet werden müssen, kontrolliert, eingeordnet. Ohne zielgerichtete Beobachtungen wäre ja selbst an die primitivste Orientierung im optischen Wust unserer modernen Welt nicht zu denken. Nur dadurch, dass wir beobachten, treten wir mit unserer Umgebung in Kontakt, nur dadurch sind wir in der Lage, uns selbst ins Weltgefüge einzuordnen. Beobachtungen sind ungemein wichtig. Als ich dieser Tage nun meine Beobachtungen machend durch Chemnitz streifte, stand da ein Mann mittleren Alters am Straßenrand, ein den Witterungsverhältnissen vollkommen unentsprechend gekleideter Mann, ein Mann in einem viel zu leichten Hemd und einer geradezu sommerlich zu nennenden Hose, der voller Grazie eine Zigarette zwischen seinen auf anatomisch völlig undenkbare Weise verformten Fingern hielt und, immer wenn er an ihr zog, den Kopf nach hinten warf und sein rechtes Bein derartig steif machte, dass es wie eine Prothese wirkte, wie ein langes, quer zur Straße gestelltes Stück Holz. Und wie ich ihn so ansah, musste ich daran denken, dass mir dieses Verhalten auf irgendeine Weise bekannt vorkam, dass ich jede Menge Leute kenne, die sich so verhalten, genau das sind die Leute, mit denen ich mich abgebe, dachte ich, Leute, die ich meine Bekannten und Freunde nenne, Leute, die an ihrer Zigarette ziehen und dabei ihr Bein steif machen oder Leute, die mich tagsüber anrufen, um mir zu sagen, dass ihr Telefon defekt ist, Leute, die zu ihrer Vierzentnerfrau Mäuschen sagen, während die sich wie ein großer grüner Dinosaurier die Treppe hochwuchtet und dabei die Geräusche von drei Erdbeben verursacht, Leute, die immer, wenn sie über einen Witz lachen, mit der flachen Hand auf den Oberschenkel der ihnen am nächsten sitzenden Person hauen, Leute, die mit Mainzelmännchenstimme "Guten Aaamd!" brüllen, Leute, die immer alles geben, obwohl es keiner haben will, oder Leute, die nicht wissen, was sie wollen, nur, dass sie es unbedingt brauchen, Leute, die in der Öffentlichkeit ihre Frau umarmen, obwohl es ihnen keinen Spaß macht, und ihrer Frau auch nicht, und den Leuten, die dabei zuschauen müssen erst recht nicht, Leute, die der Ansicht sind, sie besäßen einen unglaublich hässlichen Schatten, einen entsetzliches Unbehagen erzeugenden Schatten, Leute, die karierte Socken und Sandaletten kombinieren, Leute, die genau vorm Abgrund stehen, und andere Leute, die es für nötig erachten, sich noch davor zu stellen ... lauter solche Leute, dachte ich, lauter Leute, die man gerne beobachtet, weil sie originell sind, unverwechselbar, einmalig, lebendig, liebenswert, und dann sah ich, dass der Mann sein Bein steif machte, ein letztes Mal an seiner Zigarette zog und weg ging. Ich blickte ihm nach, bis er an der nächsten Straßenecke im Nebel verschwand, und dann drehte ich meinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung, um zu sehen, was es dort zu beobachten gab. Euch jede Menge interessanter Beobachtungen wünschend verbleibe ich bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Wolf Mielke Winter

