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Ming Cheng Ming Cheng

Hier spricht Ming Cheng

Zu Hause als Tourist


Nach fünf Jahren war ich mal wieder in der Heimat, in der kleinen chinesischen Provinzstadt Tongling. Obwohl, klein ist relativ, bei 800.000 Einwohnern ...

Es war schön, nach so langer Zeit meine Familie und Freunde wiederzusehen. Aber es war ein Kulturschock. Nicht nur, weil sich die Stadt enorm verändert hat in diesen fünf Jahren, nein, ich fühlte mich wie ein deutscher Tourist, der zum ersten Mal China besucht. Ich musste lernen, wieder Chinese zu werden. Da ist zum Beispiel dieser dichte Autoverkehr auf den autobahnbreiten Stadtstraßen, eine Überquerung lässt einen zum Einzelkämpfer werden: Einfach loslaufen und rüber! Wenn man wartet, bis die Bahn mal frei ist, wartet man lange. Natürlich gibt es auch Ampeln, aber wer will schon so weit laufen; ist hier ja auch nicht anders. Zudem heißt eine grüne Ampel nicht gleich sicheres Überqueren der Straße, denn für Fahrrad- und Mopedfahrer hat das rote Licht eher symbolische Bedeutung. Trotzdem sind Unfälle recht selten und gehen meist glimpflich aus, der Verkehr läuft einfach sehr langsam. Deswegen haben viele Chinesen Angst, in Deutschland Fahrrad zu fahren, weil hier die Autos so schnell an einem vorbeischießen.
Ungewohnt auch die vielen, vielen Läden und Imbisse und das rege Treiben auf den Straßen, alle sind beschäftigt und haben zu tun, ein Gewusel. Und es wird gekauft, jeder hat die Taschen voll. Mein Cousin kaufte sich mal so nebenbei für 600 Yuan, das sind rund 60 Euro, ein T-Shirt einer angeblich bekannten Marke. Für das Geld kleide ich mich normalerweise komplett ein. Ich wurde natürlich als der heimgekehrte Auslandsstudent von allen Verwandten, waren sie auch noch so entfernt, was den Verwandtschaftsgrad als auch die örtliche Distanz meint, eingeladen. Essen hier und Essen dort. Meist lief es so ab: Der Tisch bog sich vor Speisen, und ich musste über meine Erfahrungen über Deutschland berichten. Von Interesse war vor allem das deutsche Durchschnittsgehalt, die Jobsituation und allgemeine Wirtschaftsfragen, aber auch die Essensgewohnheiten kamen zur Sprache. Allerdings wurde dann stets erörtert, welche chinesischen Leckerbissen man in Deutschland nicht bekommt. Danach drehte sich das Gespräch um Geld, wo man mehr verdiene, in Beijing oder Shanghai, welche Tochter wo arbeitet, welche Nichte welchen Uni-Abschluss hat und was sie dann verdienen kann. Nur Geld, Geld, Geld. Für meine Karriere als Chansonier interessierte sich keiner. "Lebe deinen Traum" ist halt keine der von Konfuzius geprägten Tugenden. Wir Chinesen sind eher karriereorientiert. Das war schon immer so, selbst Mao schaffte es nicht, den Kapitalisten in uns auszutreiben.
Und kaum hatte ich mich eingelebt, kehrte ich nach Leipzig zurück und durchlebte den nächsten Kulturschock. Hier ist alles schön und ruhig. Oder anders: Schön ruhig.


Wort Ming Cheng / Bild: Privat