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Andre Kudernatsch André Kudernatsch

Kudernatschs Kolumne

Schiller hatte nie den Blues


Rudolstadt ist der Ort, an dem es immer regnet, wenn Tanz- und Folkfest ist. Es hat sich längst den Ruf eines Woodstocks Thüringens erarbeitet. Hier darf man sich im Schlamm suhlen und rhythmisch zucken. Ganz egal, ob es zur Musik passt - wenn man nur einen hässlichen Beutel trägt, der mit einem röhrenden Hirsch bedruckt ist. Denn dann ist man ein echter "Blueser" - und der Blues ist in Thüringen zu Hause. Wo sonst?
Denn nur der Thüringer ist so euphorisch wie ein Nudelholz. Oder wie ein Quirl, den er im Februar selbst aus seinem Weihnachtsbaum geschnitzt hat. Sag dem Thüringer, dass Barack Obama 2009 über sein Land geflogen ist - und der Thüringer antwortet - zunächst erst mal gar nicht - und dann: "Hm". Das macht der Blues!
Ganz anders die Sachsen, die hatten sogar T-Shirts, die das Obama-Motiv "Yes, we can" abwandelten in "Nu, mir gönn". Dabei konnten die Sachsen gar nicht - gar nichts sehen, nämlich. Dresden war dicht - und Obama quasi unsichtbar. Aber hatten sie deswegen den Blues? Nein, denn den hat ja schon Thüringen!
Dort beginnt die Desillusionierung bereits bei den lieben Kleinen. Da fragt ein Mädchen ganz aufgeregt: "Oma, Oma, hast Du da die Air Force One gesehen?" Und die Oma winkt nur ab: "Nee, aber frag den Opa ma!"
Was ist da nur passiert? Das war ja nicht immer so! Früher gab es zum Beispiel echt heiße Schnecken in Rudolstadt - so dass der arme Friedrich Schiller gar nicht wusste, welche er zuerst - sagen wir schneckig finden - sollte: Charlotte Lengefeld oder Caroline. Schiller besuchte einfach beide - ähem, gleichzeitig.
Dann wollte auch noch der Goethe was von ihm - und Schiller sprang im Dreieck! Was dazu führte, dass er Charlotte heiratete, obwohl er Caroline wollte und Goethe mochte. Die eine war aber schon verheiratet und der andere zu alt. Was wiederum nicht den Blues bei Schiller auslöste, weil er viel lieber in dieses feine Dreiecksverhältnis - sagen wir - reinbutterte.
So wird man also den Blues los, liebe Thüringer: Man heiratet eine Hässliche und sagt auch zu all den anderen nicht "Nein!" - in vielen Tälern des Landes wird das ja schon seit Jahrzehnten praktiziert. Also nur Mut! Schiller war ein Vorreiter - im wahrsten Sinne des Wortes. Oder anders gesagt für schillende Musikfreunde: Rock hoch, Blues weg!
Daran erinnert das Schillerhaus in Rudolstadt, zu dem das Wohnhaus der Lengefeld-Schwestern ernannt wurde. Ein Grund zur Freude, dieses Freudenhaus! Das ist hoffentlich deutlich geworden.


Wort: André Kudernatsch / Bild: Privat