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Dr. Winters Kolumne Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Eisige Zeiten


Liebe Freunde, nur ein paar Blocks von meiner Praxis entfernt, vielleicht 117 Schritte stadteinwärts an der Ecke in Richtung Stadtpark, dort, wo noch vor 20 Jahren ...

... dieser nette Mann von der Stasi gewohnt hat, befindet sich heute ein Eiscafé. Wie gut, dass die Mauer gefallen ist, denn nun, wo sich herausgestellt hat, dass die von der Stasi nur deswegen nett gewesen sind, damit sie unsereinen besser ausspionieren konnten, tendiert meine Sympathie eindeutig in Richtung Eiscafé. Allerdings muss ich einstreuen, dass es auch mit diesem eine eigenartige Bewandtnis auf sich hat. Denn stellt Euch nur einmal vor, mit dem Tag, an dem das Eiscafé an der Ecke in die Winterpause geht, brauche ich mir keinerlei Hoffnungen mehr auf schönes Wetter zu machen. Kaum, dass die Sonnenschirme und der Papierkorb mit dem Schöllerschriftzug weggeräumt worden sind, sinken schlagartig die Temperaturen. Schon am nächsten Tag ziehen schwarze, düstere Wolkenmassive über das ansonsten so heiter anmutende Gebäude hinweg, und ein frostiger Wind treibt verwelkte Blätter über dessen verwaiste Terrasse. Es ist schon seltsam. Sobald das Geschäft seine Pforten schließt, ist es aus mit Sonne und Wärme. Da können mich Hunderte Weihnachtsmänner bereits Anfang September aus den Schaufenstern der großen Kaufhäuser heraus anstrahlen und unzählige Schwibbögen die Fenster des Heckertgebietes erleuchten, erst, wenn das Eiscafé an der Ecke geschlossen hat, kann ich mir sicher sein, dass es nun Winter wird. Genau so seltsam ist, dass ich das ganze Winterhalbjahr hindurch die freundliche Eisverkäuferin nicht zu Gesicht bekomme. Mit den letzten Sonnenstrahlen verschwindet auch sie. Wahrscheinlich fällt sie, nachdem sie die letzten Tiramisu- und Krokant-Mandelsplittereisreste gegessen, die Rollläden heruntergelassen und die Ladentür verschlossen hat, in einen tiefen Winterschlaf und erwacht erst im Frühling ausgeruht und strahlend und mit einem Riesenappetit auf einen Stracciatella-Nugat-Eisbecher wieder. Und, wen wundert es: Ab dem Tag, an sie dem das Eiscafé wieder in Betrieb nimmt, herrscht auch wieder schönes Wetter. Ich habe keinerlei Ahnung, wie sie das anstellen, aber genau so, wie ganze Vogelschwärme sich Anfang Herbst über den Zeitpunkt ihres kollektiven Aufbruches in den Süden im Klaren sind, wissen die Betreiber des Eiscafés mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit, wann es absolut keinen Sinn mehr hat, ihr Geschäft auch nur eine Stunde länger offen zu halten. Manchmal denke ich, es liegt an dem Mann von der Stasi, der früher dort gewohnt hat, denn die wussten ja bekanntlich auch alles. Nun, vorgestern hat das Eiscafé seine Türen wieder einmal geschlossen, und ich muss mich auf das Schlimmste gefasst machen. Euch allen einen milden Winter wünschend verbleibe ich bis zum nächsten Mal

Euer Doktor Mövenpick Langnese Winter


Wort: Dr. Winter / Bild: ELC