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Mario Thiel Mario Thiel

Vorsicht Thiel!

Wissen, wer es ehrlich meint


"Papa, du bist ein Trottel!" sagte meine Tochter voller Ernst. Danach war nur noch bedrohliche Stille, die nicht unwesentlich mit meinem Gesichtsausdruck zusammenhing.

In manchen Kulturkreisen oder Milieus hätte dieser Spruch einen Papa-Monolog zur Folge - beidhändig gestisch unterstützt - der wiederum Angst, Schrecken und Schmerzen bei den Töchtern erzeugen würde. Ich weise gleich darauf hin, dass ich weder Migration, Pa-rallelgesellschaft oder Prekariat gesagt habe, ehe mir irgendwelche Kompetenzen als Autor beschnitten werden. Aber zurück zum Ansatzpunkt: Meine pazifistische Grundhaltung ließ jedenfalls in mir die Frage aufkommen, ob meine Tochter vielleicht recht hätte?
Hätte ich nach Bekanntwerden der Quelle-Pleite sofort mit einem Igluzelt bewaffnet vor ein Quelle-Center ziehen müssen, um mehrere Waschmaschinen, Dampfbügeleisen oder Epiliergeräte zum Schnäppchenpreis zu erstehen? Oder hätte ich wenigstens beim Quelle-Ausverkaufsstart vorm Rechner sitzen sollen? Mal so richtig beim Leichenfleddern mitmachen? Glaubt meine Tochter, mir fehlt der Killerinstinkt? Hält sie mich darum für zu weich oder gar für eine Westerwelle? Scheiße!
Noch während ich meine durch humanitäres Handeln entstandenen Verluste zusammenrechnete wurde die Stille von der neuerlichen Feststellung "Papa, du bist ein Trottel!" unterbrochen. Dieses Wiederholen einer Feststellung, auch wenn sie frech, dumm und völlig haltlos ist, haben Kinder und Politiker als Merkmal gemeinsam. Der Unterschied besteht darin, dass Kinder sich wiederholen, bis der Erwachsene darauf reagiert und Politiker so lange, bis der Erwachsene darauf nicht mehr reagiert.
Politiker glauben, wenn sie Schwachsinn ganz oft sagen, wird er weniger schwachsinnig bzw. versteht das Volk den Schwachsinn irgendwann. Dummerweise liegen sie oftmals richtig mit ihrer Annahme. In diesem Zusammenhang loben die Politiker das Volk auch gern mit den Worten: "Der Wähler ist ja nicht dumm. Der kann wohl unterscheiden, wer es ehrlich meint und wer nicht." Übersetzt heißt das nichts weiter als: "Der Wähler will verarscht werden."
Nur so kann ich mir erklären, dass das Volk sich für Schwarz-Gelb entschieden hat, im Glauben an Steuerentlastungen und einen klaren Kurs für die Wirtschaft. Nun aber, wo es so ziemlich das Gegenteil bekommen wird, hält es die Klappe, denn es ist ja nicht dumm und versteht natürlich die Gründe für diese Kehrtwende. Die Kassen sind leer, vor allem leerer, als man ahnte. Klar, woher sollte die CDU/CSU wissen, wie es wirklich aussieht? Sie waren zwar in der Regierung, aber wurden von der SPD über gar nichts informiert. Natürlich war Angela Merkel auch vor der Wahl Kanzlerin, aber das war doch eher ehrenamtlich. Natürlich vertraue ich ihr, wenn sie sagt "bis 2013 wird es keine Steuererhöhungen geben, höchstens ein paar Sozialabgaben könnten steigen". Das finde ich total klasse, denn: Höhere Steuern hasse ich, aber höhere Sozialabgaben machen mir gar nichts aus.
Dennoch stand immer noch die Behauptung meiner Tochter im Raum, dass ich ein Trottel sei. Da ich nach langem Nachdenken einer komplett anderen Meinung war, hätte ich schon Lust gehabt, meiner Tochter so richtig die Leviten zu lesen. Unterstützt von mehreren Verboten: Kino? Fernsehen nach 22 Uhr? Disco? Flatratesaufen? Alles verboten! Das hätte ihre sozialen Kontakte erheblich eingeschränkt! Andererseits tat sie das Meiste mit ihren knapp drei Jahren sowieso noch nicht …
Blieb nur noch der Versuch, meiner Tochter die Bedeutung des Begriffs Trottel nahezubringen, aber ich hatte gerade keine Bilder von Lothar Matthäus oder Boris Becker zur Hand. Übrigens möchte ich den Boris mal loben, denn er hat Angela Ermakowa nicht in der Wäschekammer eines Londoner Hotels geknallt, sondern auf der Treppe zwischen den Klos. Die Wäschekammernummer hatte schon eher was Animalisches, aber so eine Treppe ist doch ideal für den Beginn einer freundschaftlichen Beziehung mit Reinstecken. Der Boris hat eben Niveau. Darum macht er auch nicht haufenweise Kopftuchmädchen, denn das würden wir ihm übel nehmen.
Jedenfalls kam ich zu dem Entschluss, meiner Tochter streng diese Trottel-Äußerung zu verbieten mit dem Hinweis, bei Wiederholung wird der abendliche Maulwurf-Film gestrichen. Am nächsten Tag lachte sie mich an und rief: "Papa, du bist ein Trottel." Was sollte ich machen? Sie hatte keine Ahnung, was sie da sagte und meinte es definitiv nicht böse - und wenn man den Grund für eine Äußerung versteht, kann man viel besser damit umgehen. Also schaute ich kurz streng und dann lachten wir beide gemeinsam.

Erleichtert,
ciao, Euer Mario


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade