Krissis Klatsch
Zwei, drei Jahre früher
Stellt Euch vor, Ihr geht morgens zur Schule und all Eure Freunde sind nicht mehr da. Gibt es nicht? Nun ja, bei mir war es der 10. November 1989, die Schule hieß POS "Willi Salden", und ich war stolzer Träger meines roten Pionierhalstuches. Ein Thälmann-Pionier, nicht gerade wie er im Buche stand, aber mit reichlich Aktivitäten im Klassenverband. Denn schon damals, als Wandzeitungsredakteurin der Klasse 5b, interessierte mich nichts mehr, als unsere Aktion "Roter Schmetterling - Altpapier sammeln für Nigeria", und ob unsere Gruppenratsvorsitzende Andrea mit unserem AG-Schriftbuchführer Torsten beim Milchholen geknutscht hat oder nicht. Die illustren Zeiten, als man von den Großen beim Schulhof-Appell nur ein brummendes "Freundschaft" und von den Erstklässlern ein begeistertes und gemeinschaftliches "Immer bereit" um die Ohren gequiekt bekam, waren auf einen Schlag vorbei. Zu jung, um richtig zu verstehen, was in jenen Novembertagen vor 20 Jahren passierte und nicht mehr jung genug, um nicht zu kapieren, dass hier gerade etwas Großes geschah, bemerkte ich sehr wohl, wie meine Mutti abends beim Pfefferminzteekochen zittrige Hände hatte und nach dem Abendbrot nervös von Fenster- zu Mattscheibe hin und her lief. Es lag eine ungeheure Spannung und Erwartungshaltung in der Luft, der auch ich mich kaum entziehen konnte. Ich war gerade 11 Jahre alt geworden und mich interessierte nur eins: Hat die Andrea nun mit dem Torsten geküsst, ja oder nein? Ganz ehrlich, manchmal könnte ich meinen Eltern meinen Geburtsjahrgang um die Ohren hauen! Zwei, ach vielleicht drei Jahre vorversetzte Zeugung meiner Person, und ich wäre heute ein nicht so unbedarfter und erinnerungsfreier Krümel unter all den Vollkornbroten, die damals schon Blauhemdträger oder gar in Ausbildung bei irgendeinem Volkseigenen Betrieb waren. Ob heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall alles anders ist? Sicherlich, die Grenzen sind offen, doch überqueren kann sie nur, wer es sich leisten kann. Oma würde jetzt sagen: "Wie früher!" Ob das stimmt - ich weiß es nicht. Danke, Mutti! Sicherlich, beim genaueren Überlegen erschließen sich auch mir ausreichend sozialrechtliche, ökologische und ökonomische Argumente, warum das Volk damals seinen sozialistischen Staat für die kapitalistische Großmacht nebenan ins Bockshorn gejagt hat. Nur welches Fazit kann man als Ossi ziehen, wenn man lebensdurstig wie müde diese Revolution mit Bettlakenspruchband, Rotkäppchensekt sowie Hammer und Meißel für die Mauervernichtung im Trabantkofferraum mit vollem Enthusiasmus angetrieben hat? Vielleicht, dass sich gewisse Dinge nie ändern, solange es noch Menschen sind, die miteinander zu tun haben. Große Worte von einem kleinen Wendekind, ich weiß. Danke, Vati! In diesem Sinne: Auf die Wende und absolut froh über mein Beck's grüß ich Andrea und Torsten.
Eure Krissi! Never rest!

