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Dr. Winters Kolumne Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Wenigstens einmal im Jahr


Liebe Freunde, es ist schon seltsam: Das ganze Jahr hindurch fristet unsere Region ein Schattendasein. Kein Mensch interessiert sich auch nur ansatzweise für uns.

Von Anfang Januar bis Ende November sind wir so gut wie von der Weltkarte getilgt. Aber dann, plötzlich Anfang Dezember bekommt die südsächsische Tourismusbranche auf einmal Hochkonjunktur, nahezu über Nacht verwandelt sich das Erzgebirge in ein Mekka für gefühlsduselige Touristen aus aller Welt. Ganze Busladungen von kameraschwenkenden Asiaten oder ungläubig dreinblickenden Australiern ergießen sich über unsere winzigen Dörfer entlang der von einem rauen Wind gepeitschten böhmischen Gebirgskämme. Warum? Weil es Weihnachten wird. Das Erzgebirge ist nun einmal der Landstrich, in dem Weihnachten am intensivsten zelebriert wird. Zu Weihnachten wird das Erzgebirge zur Folkloremetropole der Welt. Es ist erstaunlich. Mit einem Mal wird unser uraltes Brauchtum zum Publikumsmagneten. Vier Wochen lang beneidet uns die Welt um unsere Art, Weihnachten zu feiern. Um den Lichterglanz und die Ruhe, die dann über unserer Heimat liegen. Und tatsächlich, nirgendwo sonst entspricht das kaum vorhandene Temperament der Bewohner der beruhigenden Mittelmäßigkeit der Landschaft wie hier. Dennoch können wir voller Stolz darauf hinweisen, dass wir auf dem gesamten Erdenrund die einzige Gegend sind, in der die Anzahl der Schwibbögen die der dafür vorhandenen Fenster um ein Vielfaches übersteigt. Natürlich ist es nicht einfach, den Erwartungen jedes Japaners oder Saudis gerecht zu werden. Trotzdem tun wir unser Bestes, quälen uns, die Tradition von Generation zu Generation am Leben zu erhalten, bemühen uns aus Leibeskräften, den Besuchern einen extrem hinterwäldlerischen Eindruck zu vermitteln. Wir sind halt Menschen, die in stark gebeugter Haltung durch ihre niedrigen Stuben huschen, sich danach auf die Ofenbank setzen und mit finsteren Mienen Bergleute aus Knollenwurzeln schnitzen, Geschöpfe, die mit einem Nudelholz Teig ausrollen, mit langsamen, abgehackten Bewegungen Plätzchen ausstechen, in den Ofen schieben, backen, und dann ebenso langsam und abgehackt auf ihnen herumkauen. Menschen, die traurige Lieder singen. Oder mit weinerlicher Stimme unverständliche Verse vortragen. Menschen, die mit roten Nasen einen Schlitten hinter sich herziehen oder röchelnd den beißenden Qualm der Räucherkerzchen über sich ergehen lassen. Die selbst bei frühlingshaften Temperaturen so laufen, als stapften sie durch meterhohe Schneewehen und dabei noch ein Bündel Brennholz auf dem Rücken tragen. Es ist aber auch zu hübsch. Da geht einem das Herz auf. Genau wie in den Wohnstuben, wo auf erhitzten Kachelöfen stark mumifiziert wirkende, an urzeitliche Fossilien erinnernde Erzgebirgler herumsitzen und Schwibbögen aussägen oder Pyramiden drechseln. Die Touristen gehen von Haus zu Haus und sehen sich diese fragwürdigen Utensilien nicht nur an, sie kaufen sie sogar. Um es zu Hause in Tokio oder Adelaide genau so gemütlich zu haben wie wir. Vermutlich würde der eine oder andere Tourist auch einen echten Erzgebirgler mit zu sich nach Hause nehmen. Aber da spielt sich nichts ab. Wir bleiben hier. Weil es hier zur Weihnachtszeit so gemütlich ist, so wie nirgendwoanders auf der Welt.

Eine schöne Weihnachtszeit und ein glückliches neues Jahr wünscht euch
Euer Doktor Schramm Stülpner Winter


Wort: Dr. Winter / Bild: ELC