Dr. Winters Kolumne
Salami für die Katz
Liebe Freunde, aufgrund eines dramatischen Mangels an Zeit lässt sich Doktor Winter dieses Mal von seiner Katze vertreten.
Von meiner eher ungünstigen Position aus gesehen bestehen die Menschen hauptsächlich aus Beinen. Aus Beinen und Füßen in Hausschuhen. Über alles, was sich oberhalb ihrer Unterschenkel befindet, kann ich bestenfalls Vermutungen anstellen. Ziemlich sicher bin ich mir, dass sie Hände oder Pfoten haben müssen. Irgendetwas in dieser Richtung. Etwas, womit sie mir mein Futter in den Fressnapf kippen. Wahrscheinlich besitzen sie auch Köpfe. Denn irgendwoher muss dieses selten dämliche "Miez, Miez" ja herkommen. "Miez, Miez", rufen sie, wenn ich mich gerade unter der Heizung zusammengerollt habe, um ein wenig vor mich hin zu dösen. "Miez, Miez", wenn ich dem Kätzchen von nebenan mit einem Balanceakt auf dem Zaun imponieren will. Dabei bin ich überhaupt keine Miez, sondern ein Kater. Was sind die Menschen nur für ignorante Geschöpfe! Ich sage doch auch nicht Frauchen zu meinem Herrchen oder umgekehrt. Eigentlich sage ich ja überhaupt nichts. Ich beschränke mich auf Schnurren. Die Menschen sind ganz verrückt danach, mich schnurren zu hören. Sie streichen mir über das Fell, kraulen meinen Hals, nur damit ich schnurre. Klar, dass ich ihnen den Gefallen tue. Ich finde, die ganze Welt sollte sich nicht anders als durch Schnurren artikulieren. Stellt Euch einmal diese Harmonie vor! Eine friedlich vor sich hin schnurrende Welt! Doch zurück zur Realität. Die Realität ist, dass die Menschen privilegiert sind. Manchmal blicke ich zwischen ihren Hausschuhen hindurch in den von ihnen soeben geöffneten Kühlschrank. Was es dort zu bestaunen gibt, ist doch etwas ganz anderes als das Trockenfutter mit Fischaroma, von dem ich bisher angenommen habe, es wäre die Krönung an geschmacklicher Raffinesse. Seit ich in den Kühlschrank gesehen habe, weiß ich, dass ich beschissen werde. Dass man mich mit Brotkrumen abspeist, mit Pfennigkram, mit etwas, das weder schmeckt noch irgendeinen ernährungsbiologischen Wert hat. Von da an habe ich nur noch an den Kühlschrank gedacht. Wir Tiere sind so. Essen ist unser ein und alles. Wer uns füttert, verfügt über den direkten Zugang zu unserer Seele. Wenn dieses Futter dann auch noch schmeckt, verlieren wir sämtliche Prinzipien. Für etwas zu essen würden wir morden. Das tun wir auch gelegentlich. Mäuse, Vögel und so etwas. Die Menschen morden wesentlich seltener. Und wenn, dann machen sie ein Riesengeschrei darum. Sollen sie doch. Ist schließlich ihre Sache, wie sie damit umgehen. Aber um beim Essen zu bleiben: Ein einziges Mal ist es mir gelungen, in den Besitz einer soliden Portion fein geschnittener Salami zu gelangen. Wieder einmal stand mein Frauchen vor dem geöffneten Kühlschrank. Blitzschnell habe ich ihr meine spitzen Zähne in die Ferse gerammt, und bin, in dem Moment, als ich sie aufschreien gehört habe, in den Kühlschrank gesprungen. Und plötzlich befand ich mich inmitten der erlesensten Köstlichkeiten. Es war himmlisch ...

