Dirko Goebel
Junges Fernsehen aus dem Leipziger Westen
Westfernsehen, einst ein geflügeltes Wort für ARD, ZDF und die dritten Programme, hat eine neue Bedeutung und kommt live und im Internet aus dem Noch Besser Leben.
Wenn im TV der Müll immer mehr zum Himmel stinkt, intelligente Sendekonzepte auf die hinteren Plätze verdrängt werden und ein Volk der Dichter und Denker montags über die pubertierende Quietschdohle aus dem DSDS-Stall diskutiert, während in den Nachbarhäusern Kinder geschlagen werden, ist es Zeit für Independent und Widerworte. Das dachten sich auch die Jungs und Mädels vom Westfernsehen. Der Begriff ist zwar schon belegt, aber nicht geschützt - und das Westfernsehen kommt ja aus dem Leipziger Westen.
Erstmals ging es am 12. Dezember 2009 in die Netze, acht Stunden live aus dem Noch Besser Leben, live aus dem oberen Salon. René Heinrich, der mit seiner Freundin Hannah Sieben die verantwortliche Agentur Hasirehei.de leitet, die Westfernsehen als Kunstprojekt betreibt, schmunzelt im Rückblick: "Da war sozusagen die erste Sendung gleichzeitig unsere erste öffentliche Probe, mit der ganzen Technik und den Leuten."
Und es gab Faszinierendes: Simone Hirths Literaturmagazin "Ein Herz für Mängelexemplare", "Mlle M's Märchenduett", ein Live-Konzert mit den Postrockern von Kasan, Schabenrennen, zeitgenössische Betrachtungen zur Lage der Nation mit Dresen am Tresen, und neben vielem anderen mehr eben auch Dirko Goebels "Crosstalk" zum Thema "Bedeutungswandel eines Symbols - Swastika".
Der 33jährige Goebel verdient seine Brötchen derzeit mit dem Vertrieb chinesischer Kunst, der freiberuflichen Wändeanmalerei und als Chef der Filmproduktionsfirma D.A.W.G., und er weiß genau, wo der Unterschied seiner Talkshow zu den schrecklichen Prekariatsvorführungen im Privat-TV liegt: "'Crosstalk' ist eine Talkshow mit kontroversen Themen, die in dieser Form und unter diesen Umständen sicher nie im kommerziellen TV laufen würde. Auf der Bühne wird geraucht und Bier getrunken, was sonst ja nicht mehr so häufig im TV passiert." Und während er am Konzept für die nächste Sendung (Termin ist der 27. Februar, Thema "2012 - Utopie oder Dystopie") schraubt, fügt er hinzu: "Wir sind jung, flexibel, unverbraucht, offen für Neues. Ich persönlich finde es sehr vorteilhaft, dass ich nun selbst entscheiden kann, worüber in der Talkrunde gesprochen wird. Nicht immer diese demütigenden Themen wie im Arbeitslosenfernsehen, morgens halb zehn in Deutschland. Wenn es anderen Leuten auch so geht, können sie sich beim Westfernsehen bewerben und ihre eigene Sendung machen bzw. uns in anderer Weise zum Erfolg der Sendung verhelfen. Ich brauche auch immer wieder Talkgäste, die sich nicht zu schade sind, auch mal über ein Tabuthema zu sprechen, wie die Swastika. Wir bieten eine Plattform für Leute, die aktiv daran teilnehmen und das Fernsehen selbst 'gestalten' wollen, anstatt nur passiv Zustimmung oder Missbilligung zu bekennen. Es gibt da ein Sprichwort: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Nun ja, in diesem Falle wären wir dann 'Gott'. Soll heißen, die Leute haben das Sendekonzept, wir haben die Technik und das Studio. So ist das auch gemeint mit dem jung und unverbraucht und flexibel!"
Internet:
www.westfernsehen.netwww.dirko-in-china.de

