Hier spricht Ming Cheng
Hannover und Shanghai
Letztens sah ich im Fernsehen einen Bericht über zehn Jahre Expo Hannover. Ihr erinnert Euch an den Prinzen, der sich an einem Pavillon erleichtert hatte.
In diesem Rückblick ließen sich alle Beteiligten nochmal feiern. Allerdings wurde mit keinem Wort erwähnt, dass die aktuelle Expo gerade in meiner Heimat China stattfindet. Und nebenbei: Nach den Besucherzahlen war die Expo Hannover ein Flop. Shanghai dagegen ist jetzt schon ein Erfolg. Jeden Tag kommen rund 300.000 aufs Expo-Gelände. Und ich mittendrin. Das Motto lautet "Bessere Stadt, besseres Leben", viel dreht sich um erneuerbare Energien. In fast jedem Pavillon steht ein Windrad oder ist eine Solarplatte montiert. Aber oft eher symbolisch ...
Das Maskottchen der Expo ist ein blaues Männchen mit Elvis-Locke, dass das chinesische Zeichen für Mensch darstellen soll. Dieses Maskottchen ist allgegenwärtig und geht meinen Landsleuten gehörig auf den Keks. Die Expo-Propaganda-Maschine läuft seit Jahren, überall Plakate, Merchandising-Produkte - man hat keine Chance, dem Wahnsinn zu entkommen. Und natürlich nur positive Berichterstattung. Ein befreundeter Journalist meinte, er finde die Expo scheußlich, aber schreiben werde er, wie toll dieses Ereignis ist. Das ist ein Unterschied zwischen unseren Ländern, ich kann hier sagen, die Expo in Hannover war ein Flop, in China könnte niemand schreiben, dass die Shanghai-Expo langweilig ist. Aber was die Expo in China überpropagiert wird, so wird sie im Rest der Welt ziemlich ignoriert. Deshalb von mir ein kurzer Erfahrungsbericht. Über 190 Nationen präsentieren sich mit eigenen oder zusammengeschlossenen Pavillons, dazu über 50 Organisationen und ausgewählte Firmen. Das Ausstellungsareal umfasst über drei Quadratkilometer. Hauptsport ist Anstehen, vor allen Top-Pavillons steht man stundenlang: Für Deutschland drei Stunden, für Saudi-Arabien sogar bis zu acht! Das heißt, man verbringt einen Arbeitstag in der Warteschlange, um dann für 20 Minuten im Pavillon zu sein. Und im Sommer waren es 39 Grad im Schatten. Das Erstaunliche ist, dass meine Landsleute dabei gelassen bleiben und absolut begeisterungsfähig sind. Im deutschen Pavillon gibt es eine ganze Menge Spielereien, wie einen interaktiven Kaninchenkäfig, an dem eine Möhre hängt. Zieht man an der Plastikmöhre, erscheint das Häschen auf dem Bildschirm. Das Highlight ist ein stimmengesteuerter riesiger LED-Ball. Die Leute müssen klatschen und schreien, sonst passiert nix.
Auf der Expo wird Nachhaltigkeit propagiert, aber sobald man das Gelände verlässt, sind die Straßen verstopft und die Klimaanlagen so eisig eingestellt, dass man Kälteschocks bekommt. Überall wird Energie verschwendet und die Umwelt verpestet. Da vergisst man schnell die bunten Pavillons und lustigen Spielereien. Allerdings ist das auch das Problem in Hannover gewesen. Fragt mal einen, der dort war, woran was er sich erinnert.

