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Dr. Winters Kolumne

Draußen ist Januar


Liebe Freunde, ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber für mich ist der Januar ein unglaublich schwieriger Monat, der, wenn ich es recht bedenke, schwierigste Monat überhaupt.

Und weil er so schwierig ist, auch der längste. Der Januar hat gefühlte zwölf bis 13 Wochen, er hört ja überhaupt nicht wieder auf. Er schleppt sich, er kriecht förmlich dahin, und ausgerechnet, wenn man denkt, prima, endlich ist der Februar da, dann ist immer noch Januar. Ein hartnäckigerer Monat als der Januar ist nicht vorstellbar. Der Januar kommt zu Neujahr und dann setzt er sich fest. Eine einzige Geduldsprobe. Für diesen Monat braucht man Nerven wie Drahtseile. Immerzu ist es düster, die Leute frieren und sind schlecht gelaunt.
Im Januar passiert ja auch absolut nichts. Die ganze Zeit hindurch ist gähnende Langeweile angesagt. Dabei wäre es gerade im Januar so nützlich, etwas zu haben, was einen von der Tatsache, dass es Januar ist, ablenkt. Aber da gibt es nichts. Keine Feiertage, kein Jubiläum, nichts. Sich im Januar zu zerstreuen, ist völlig utopisch. Vor dem Januar kann man nicht flüchten. Der ist überall und zieht einen unentwegt runter. Wenn man durch die Stadt geht, hat man das Gefühl in Nowosibirsk zu leben oder in Smolensk, also irgendwo am Polarkreis, schwarze Rauchschwaden hängen über den Dächern und jeder Baum ist zu einem hässlichen Krakel mutiert, der in den Himmel spießt. Und dann liegt meistens auch noch Schnee darauf. Schon bei dem Gedanken schüttelt es mich.
Nein, im Januar ist man völlig paralysiert. Zum Nichtstun gezwungen. Man stochert in seinem Essen herum, sieht zum Fenster hinaus und draußen ist Januar. Das kann man überhaupt nicht treffender formulieren. Wenn gesagt wird, draußen ist Januar, dann weiß man doch sofort Bescheid. Draußen ist Januar bedeutet, es ist kalt, dunkel und hässlich. Ich vermute, die meisten Verbrechen werden im Januar geplant. Man plant sie in der grässlichsten Stimmung, um sie dann im Juni, Juli, bei schönem Wetter auszuführen. Das ist doch logisch. Bei schönem Wetter geht so ein Mord doch wesentlich besser von der Hand, als bei schlechtem. Dann mordet es sich beinahe von selbst. Weil das Arbeitsumfeld dann ein ganz anderes, ein wesentlich besseres ist.
Natürlich muss man hinzufügen, dass der Januar für kaum eine Branche ideale Voraussetzungen bietet. Nicht nur für Handwerker. Wie gesagt, im Januar passiert eigentlich nichts. Meinen spannendsten Januartag habe ich vor einigen Jahren erlebt. Ich bin, weil ich es in der Wohnung nicht mehr ausgehalten, weil ich bereits deutliche Anzeichen von Hospitalismus an mir wahrgenommen habe, schon mit dem Kopf schaukelnd von einer Zimmerecke in die andere gehuscht bin, in das nächstbeste Einkaufszentrum geflüchtet. Davor war ein Hund angebunden.
Ein Hund, der plötzlich mit seinem Schwanz zu wedeln begann. Ein Hund, der, als er angefangen hatte, mit dem Schwanz zu wedeln, überhaupt nicht wieder damit aufhören konnte, der sich in einen Schwanzwedelbewegungsrausch hineingesteigert hat, ein hellbrauner, fast gelber Hund mit einem total albern auf und ab wedelnden Schwanz, einem das gesamte Tier hin und her schüttelnden, den Hund dadurch beinahe zu Sturz bringenden Schwanz. Dieser durch sein Schwanzwedeln beinahe vom Boden abhebende Hund ist das Spannendste gewesen, was ich jemals im Januar erlebt habe.
Daraus ist ersichtlich, wie spärlich spannende Erlebnisse im Januar gesät sind. Im Januar lebe ich in ständiger Sorge vor einem Nervenzusammenbruch. Viele versuchen ja die Gefahr eines Januar-Nervenzusammenbruches zu verringern, indem sie ins Ausland reisen. Weit weg, um dort dann möglichst viel zu essen, wie gesagt wird. Dorthin, wo einem für sein Geld etwas geboten wird. In den warmen, sonnigen Süden. Nach Antalia beispielsweise. Aber die Leute vergessen, dass dort natürlich auch Januar ist. Und selbst in Antalia ist es im Januar so langweilig, dass, wie sehr häufig beobachtet wird, die Urlauber, nur um die Zeit totzuschlagen, die Einheimischen dabei unterstützen, ihre Teppiche zu verkaufen.
Nein, dem Januar entkommt man nicht. Egal, wo man auch ist. Einen einzigen Lichtblick besitzt der Januar, und das ist der mit jedem Tag näher rückende Februar. Ab Februar schöpft man wieder Hoffnung, dass hinsichtlich der sowohl tags als auch nachts getragenen, handgestrickten Schafwollsocken noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Lasst es Februar werden!
Euer Doktor Gennaio Enero Winter


Bild: Ernie Le Coq