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Glufkes Kolumne

Kommando Schnee


Es ist aber auch wieder furchtbar. Da bricht einfach so ein Winter herein. Plötzlich. Keiner rechnet damit. Es gibt zwar nur vier Jahreszeiten, aber wer hat denn erwartet ...

... dass eine davon "Winter" heißt, auf den Herbst folgt und mit Schnee, Glatteis und Kälte verbunden ist? Da muss man sich nicht vorbereiten. Nein. Denn wozu ist langfristige Orientierung staatlicher Institutionen gut? Bringt doch nichts und ist sogar schädlich. Sonst hätten die Landesbanken ja nicht dreimal soviel Geld in der Finanzkrise verloren wie die privaten. Der Staat muss doch investieren. Und das mehr als die privaten. Und wenn zuviel Geld da ist, muss er es verbrennen. Und zwar mehr als die privaten. Ich vermute, in den Augen der staatlichen Institutionen heißen die Jahreszeiten bestimmt so wie bei manchen Kindern "Auto". Hat man kleinen Kindern ein Wort beigebracht, wird erstmal alles danach betitelt: Mama = Auto, Papa = Auto, Kotze = Auto. "Frau Soundso, wir müssen uns dringend auf 'Auto' vorbereiten und noch Streusalz für die Stadt einkaufen!" Da blickt doch keiner mehr durch.
Und irgendwie ist es ja auch nett, wenn Rentner auf der Straße ausrutschen. Oder bei Fahrradfahrern auf Straßen das Hinterrad beim Bremsen nachgibt und sie mit einem lauten "Yippieh" das Gesicht in den straßenbahnverschmutzten Schnee tauchen. Wäre das nicht, hätte man in Halle gar nichts mehr zu lachen. Denn was zeichnet Halle auch aus? Richtig, die hohe Arbeitslosigkeit. Schließlich sind wir laut des INSM-Städte-Rankings 2009 die Stadt mit der höchsten prozentualen Arbeitslosenquote in Deutschland. 2003 lagen wir damit sogar EU-weit an der Spitze. Also sagt sich die Lokalregierung bestimmt: "Brot und Spiele müssen da her, das Volk will belustigt sein. Sonst haben wir überall nur noch Depressive oder Revoluzzer."
Und das kann man gar nicht gebrauchen. Daher will gar keiner mehr geräumte Straßen und gestreute Fußwege. Ich nicht. Die Menschen nicht. Die Stadt nicht. Ich freue mich über jedes Gesicht eines stürzenden Rentners, über jedes Knacken der Knochen eines fallenden Fahrradfahrers. Ich freue mich über jeden Autofahrer, der sich im Schnee mit seinem Kleinwagen festgefahren hat und zeige lachend mit einem "Haha" auf ihn. Selbst wenn es meine Mutter ist, denn sie kann sich ja ein Auto leisten und ich nicht.
Und ich freue mich doch über jeden Arzt, der an einem Oberschenkelhalsbruch wenigstens noch die Praxisgebühr verdient. Schließlich haben die auch nichts mehr zu lachen. Gesundheitsreform hin oder her, unsere Stadtverwaltung schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Zufriedene Ärzte ergeben zufriedene Patienten. Nach der Ursache fragt dann schließlich keiner mehr. Hauptsache die Symptome sind behandelt. Und so ein kurzfristiges Quartalsdenken haben wir ja schließlich auch schon in der freien Wirtschaft. Das kann man denen doch ruhig mal nachmachen.


Wort: Tobias Glufke / Bild: Thomas Leibe