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Ming Cheng Ming Cheng

Hier spricht Ming Cheng

Zehn Jahre in der Stadt


Je älter man wird, desto schneller ziehen die Jahre dahin, sagt man. Aber für mich ist das Jahr 2011 ein besonderes...

... denn seit exakt zehn Jahren bin ich nun schon in Deutschland, genauer in Leipzig. Am 5. Februar 2001 stieg ich voller Freude auf das Kommende, aber ohne Ahnung, was sein wird, aus dem Flugzeug. Für mich war alles neu: Land, Leute und vor allem die Sprache. Außer "Guten Tag, ich heiße Ming Cheng" konnte ich nix sagen. Und die Stadt, alles sah für mich gleich aus! Die Straßennamen brachten mich auch gehörig ins Schwitzen, so lang und kompliziert: Pfaffendorfer Straße, Pfaffensteinstraße, Pfeffingstraße. Alles so ähnlich, da stand ich schon mal statt vor einer Behörde vor einem Privathaus. Am ersten Tag in Leipzig vergaß ich, welche Straßenbahn mich zurück ins Wohnheim bringt. Deutsch konnte ich noch nicht, und die meisten Leipziger, die ich nach dem Weg fragte, konnten kein Englisch. Einer gab mir bereitwillig mit Händen und Füßen Auskunft, beschrieb mir ziemlich gymnastisch, unterlegt mit englischen Vokabeln, den Weg. Ich stand nachts am Bayrischen Bahnhof und wollte zum Moritzhof, hätte also mit der Linie 16 einfach durchfahren können. Allerdings schienen wir aneinander vorbei zu gestikulieren. Gegen Mitternacht war ich dann am Connewitzer Kreuz, und es sollten noch zwei Stunden vergehen, bis ich endlich am Wohnheim ankam. Dort kannte ich allerdings nur die Hintertür, und die war um die Zeit geschlossen. Was für eine Nacht! Nun, zehn Jahre später, bin ich um einiges schlauer, bereue es im Rückblick aber nicht, mich so naiv auf das Abenteuer Deutschland eingelassen zu haben. Denn nur so bin ich isch geworden und stehe heute dort, wo ich stehe. Ich habe mich von Anfang an durchgebissen, die Sprache von fast null gelernt, mich durch die deutsche Mentalität und Bürokratie gefressen, mit Hilfe vieler Freunde und Bekannter Deutschland so kennengelernt, wie es vielen anderen Auslandsstudenten verborgen bleibt. Vielleicht nennt man es auf Deutsch "Über den eigenen Schatten springen" oder "Über sich selbst hinauswachsen", wenn man eine neue Welt entdeckt, aber auch die eigene Identität, die eigenen Grenzen und Potenziale besser kennenlernen kann. Wie sang Hildegard Knef?: "Mit 16 sagte ich still: Ich will groß sein, will siegen, will froh sein und nie lügen, will alles oder nichts. Für mich soll's rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen. Die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten." So lyrisch schreiben kann ich nicht, aber singen, und zwar ab sofort wieder mit meinem Programm "Isch singen Deutsch". In diesem Sinne, Euch allen ein Top-Jahr 2011 und auf Wiedersehen bei einem meiner Konzerte!


Internet:

www.mingcheng.de


Wort: Ming Cheng, Sören Schneider / Bild: Ernie Le Coq