Julia Shvets
Russische Schmetterlinge leben auch im Bauch
Gibt der interessierte Mensch den Namen Julia Shvets in die obligatorischen Suchmaschinen ein, landet er bei einem alienhaften Fashion-Model, welches weltweit catwalkt.
Jedoch weiß der Verfasser dieser Zeilen von Fehlinformationen. Er ist ja auch nicht Teil der Familie, bei der Gordon Shumway (Alf) von Melmac nach seiner Bruchlandung serienfolgenlang lebte. Also weiter geforscht und wirklich getroffen.
Die Julia, die dann im Café Lindex den Milchkaffee trinkt, ist viel sympathischer und lebendiger - und spricht die hiesige Sprache etwas anders aus. Kein Wunder, ist ihr Geburtsort doch Omsk. Dort verbrachte sie eine quirlige Kindheit und wurde Diplom-Polizistin mit Auszeichnung. Das ist nämlich ein Studiengang an der Omsker Universität. Da Julias Herz aber schon lange - mit 15 bekam sie ihre erste Rolle - an der Schauspielerei hing, absolvierte sie in der achtgrößten Stadt Russlands auch noch eine Schauspielausbildung (Omsk mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern lässt Leipzig in diesem Punkt doch wieder vom Egozentrismus abrücken).
Am Omsker Theater feierte Julia Erfolge, bis das Fernweh siegte. So ging es auf den großen Trip ins Unbekannte, und Leipzig wurde neuer Lebensmittelpunkt. Hier ankerte sie 2006 mit ihrem Mann, mit dem sie mittlerweile seit zehn Jahren verheiratet ist, und sie stellt fest: "Uns verbindet natürlich unsere Kultur und die Geschichte. Wir haben unsere Sehnsüchte und Träume, und die sind gar nicht so unterschiedlich. Musik und Theater, Kunst und Küche, Literatur. Wir haben sogar ähnliche Redewendungen und Sprichwörter." Aber Julia fand auch Trennendes: "Uns trennt untereinander die Art und Weise des Ausdrucks unserer Gefühle. Russen leben meistens aus dem Bauch heraus, Deutsche mit dem Verstand. Es ist nicht gut und nicht schlecht. Es ist so, wie es ist. Aber Schmetterlinge leben doch im Bauch, oder?"
Noch während ihres Intensivtrainings Deutsch von der Dauer eines ganzen Jahres kam Julia zur Leipziger Off-Theater-Crew DramaVision, erspielte sich einen guten Ruf in der Szene mit Stücken wie "Russisch Brot und Deutsche Schokolade", "Egoismus" (nach Balzacs "Chouans") und dem tiefschürfenden "Ein Königreich für eine Fußbodenheizung", welches bei den 2010er Amateurtheatertagen im LOFFT innerhalb der Jury für heiße Diskussionen sorgte. Auch Ev Schreiber vom Theater Fact erkannte Julias Talente und holte sie unter anderem für "Feinripp auf schwarzer Spitze" und aktuell für "Die Zärtlichkeit des Sonntagsbratens" auf ihre Bühne.
Talent und Fleiß zahlen sich eben aus, auch wenn eigenartigerweise in Russland erworbene Abschlüsse hier völlig negiert werden. Das ist mehr als fragwürdig, ist doch Europa auf dem Wege und sind doch Nationalgrenzen inzwischen eher Wischiwaschi. "Da wünsche ich mir einfach mehr Toleranz und Offenheit - eben nicht nur im Privaten, da gibt es kaum etwas auszusetzen, aber im Beruflichen, da hapert es noch ganz schön …" Charmant lächelt Julia über ihre Tasse, und ich bin froh, dass sie kein Alien-Model ist. Denn: Worüber sollte man mit einer Puppe reden?

