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André Kudernatsch André Kudernatsch

Kudernatschs Kolumne

Mein lieber Schieber


In Thüringen gab's keine Schneeschieber mehr. Doch ein großer Baumarkt erwartete Nachschub. Endlich sollten neue Schieber fürs Land eintreffen, robuste Teile mit Räumfläche aus Alu und elegantem Stiel aus Esche.

Ich kam voller Vorfreude in den Markt, als einige wutentbrannte Rentner gerade die Verkäufer lynchen wollten und sich zu diesem Zweck mit allerlei Geräten aus der Gartenabteilung eingedeckt hatten. Denn der Volkszorn war entzündet, da die Schieber für viel zu viel Geld angeboten wurden. "Schieberei!", brüllten die Pensionäre und schwangen Schippen und Spaten. Immerhin wurden pro Schneeräumer - so heißt das Produkt von Alurex ganz offiziell - 60 Euro verlangt. "Was kann das Ding denn alles?" "Hat wohl Handwärmer!" "Und Blinklicht!" "Und schiebt von alleine, wenn Du's programmierst", pflaumten vier rüstige Rentner vier wacklige Baumarktfrauen voll.
Doch ich wollte so gern schieben und hatte mich so gefreut. Also meckerte ich nicht mit, sondern schritt zur Auslage und zur Ausgabe. Ich trat heran, strich über den Eschenstiel, klopfte auf das Aluminium und nahm das gute Stück aus seiner Halterung. So kaufte ich als einziger in Erfurt - noch Wochen später hing die Schneeschub-Hub-Palette bis auf ein Exemplar voll - den teuren Schieber und verließ den Markt im Dauerlauf. Denn der Volkszorn kippte und richtete sich nun gegen mich. "Wie kann man das auch noch unterstützen?" "Der hat'se wohl nicht alle!" "Schieb bloß ab", hörte ich es poltern und legte noch einen Zahn zu.
Daheim bewunderte ich den wunderschönen Schneeschieber in aller Ruhe. Er war jeden Euro wert. So filigran war er gearbeitet! Ich malte mir aus, wie er in Handarbeit in einem Familienbetrieb entstand: Die Oma dengelte das Blech, der Vater schnitzte die Esche, die Kinder sortierten und polierten die Schrauben und Muttern, mit denen der Räumer an den Stil kam.
Dieser Schneeschieber war einfach herrlich. Ich nahm ihn mit ins Wohnzimmer und stellte ihn neben den Weihnachtsbaum, der noch immer in der guten Stube stand. Doch jetzt war es mit seiner Herrlichkeit vorbei. Das Aluminium des Räumers funkelte in 1.000 Farben, der Eschenstiel streckte sich behaglich - was für eine Pracht! Ich warf den Weihnachtsbaum umgehend hinaus.
Dabei stelle ich fest, dass es draußen schon wieder schneite. Da konnte ich ja gleich mit dem Schneeschieber nach draußen gehen. Obwohl, da würde die geschwungene Esche nass werden, der glitzernde Alu-Räumer würde Kratzer bekommen und die liebevoll gerundeten Seiten hässliche Dellen! Nein, so ging das nicht. Ein 60-Euro-Gerät könnte ich nicht derart ruinieren. Vielmehr sollten alle seine Herrlichkeit teilen!
Ich telefonierte herum und lud Freunde und Nachbarn ein, für jeweils zwei Euro ein Foto vom teuersten Schneeschieber der Stadt zu schießen. Fünf Euro würde es kosten, wenn der stolze Besitzer - also ich - mit aufs Bild sollte. Bald schon bildete sich vor unserem Haus eine lange Schlange, denn jeder hatte Bekannte mitgebracht und die Ladungen mehrerer Touristenbusse vom benachbarten Ibis-Hotel schlossen sich an. Es schneite bis zum Abend - und im Licht der Straßenlaterne ergaben sich die besten Bilder vom Schneeschieber solo oder vom Schneeschieber mit mir. Natürlich hielt ich ihn auf diesen Bildern liebevoll im Arm, ohne ihn rüde durch den Schnee zu zerren. Nach drei Stunden waren noch immer nicht alle Fotografen zufriedengestellt. Für die nächsten Tage wurden Termine vergeben.
Am Ende der Woche zählte ich meine Einnahmen und kam auf ein riesiges Plus von mehreren Hundert Euro. Was konnte ich davon alles kaufen? Ich fand, es dürfte nicht irgendwas sein, es müsste schon ein Geschenk für den Schneeschieber werden, dem ich diesen plötzlichen Reichtum zu verdanken hatte. Etwas Luxus hatte er verdient. Ich dachte an eine schöne Vitrine mit Glastür. Zum Glück kannte ich einen Tischler in Kleinobringen. Den bat ich um die passende Arbeit: ein elegantes Teil aus Holz - oben schmal für den Stil, unten breit für den Räumer, ausgepolstert mit Samt. Und ich nahm mir vor, meinen Schneeschieber nicht allein zu lassen, bis die Vitrine fertig war. Dafür war er mir viel zu sehr ans Herz gewachsen.
Tage später rief mich mein Freund Bert an: "Und, was hast Du jetzt mit Deinem Schneeschieber gemacht?" "Naja", antwortete ich wahrheitsgemäß, "gestern war ich mit ihm im Kino, heute wollen wir Pizza essen gehen - und morgen kommen uns meine Eltern besuchen." Bert wünschte uns viel Glück. Mein Schneeschieber und ich, wir gehören für immer zusammen. Im Sommer 2011 werden Schiebi und ich heiraten.


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Wort: André Kudernatsch / Bild: Ricky Fox