www.mobook.de

Dr. Winters Kolumne

Von wegen Selbstverwirklichung


Liebe Freunde, infolge meines mir kürzlich zugestellten Steuerbescheides hat mich ein starker Unmut übermannt.

Ein extrem starker Unmut, der in Sekundenfrist dazu geführt hat, dass ich die nächstbeste Kaffeetasse in die frischpolierte Scheibe meiner gläsernen Vitrine gewuchtet habe, woraufhin Frau Ermentraut, meine Haushälterin, händeringend durch die Wohnung gelaufen ist, und: "Nun hören sie doch auf, Herr Doktor! So habe ich sie ja noch nie gesehen! Sie sind ja nicht mehr sie selbst!", gerufen hat. Da konnte ich ja nur lachen! Frau Ermentraut macht vielleicht Späße! Als ob irgendjemand er selbst wäre! Man selbst zu sein, ist doch heutzutage der reinste Luxus! Wir sind ja so häufig nicht wir selbst, dass es uns schier unmöglich geworden ist, überhaupt noch zu wissen, wer wir selbst eigentlich sind. Wenn wir wirklich wir selbst wären, dann würden wir schließlich selbst bestimmen, was geschieht, wenn wir wirklich wir selbst wären, wären wir nicht permanent von etwas abhängig. Aber das sind wir. Unentwegt sind wir von etwas abhängig, von unseren Verwandten, von der Weltpolitik, von unseren Vorgesetzten, immerzu müssen wir uns verstellen, um die Gunst der anderen zu erringen, um das bestmögliche Bild von uns zu hinterlassen, pausenlos machen wir uns zu jemand anderem, weil das so erwartet wird, weil dieser andere viel sympathischer und angenehmer ist als man selbst. Vielleicht bin ich ja jemand, der mit Vorliebe Tassen in Glasscheiben wirft. Woher will denn Frau Ermentraut wissen, dass es nicht so ist? Nur weil ich mich in ihrer Gegenwart immer bemüht habe, so zu sein, wie sie sich Doktor Winter vorstellt? Brav, korrekt, selbstbeherrscht? Das bedeutet doch gar nichts! Mein wahres Ich ist ein ganz anderes. Eines, das nicht zu der Rolle passt, die ich im Leben spiele. Aber weil diesen wahren Doktor Winter niemand gern haben würde, verstelle ich mich und werfe wesentlich seltener Tassen durch meine Wohnung, als mir eigentlich lieb ist. Und ihr könnt mir glauben, das machen alle so! Dieses Gedöns von wegen Selbstverwirklichung! Das ist doch nun der allergrößte Unfug! Wenn die anderen nicht wollen, dass man so ist wie man ist, dann wird da auch nichts daraus! So einfach ist das! Sich selbst zu verwirklichen bedeutet ja im besten Fall, sich seine Abhängigkeiten selbst auszusuchen. Das ist der einzige Spielraum, den man besitzt. Im Grunde hat man ja nicht die geringste Ahnung, wer man selbst ist. Wie oft sieht man sich im Spiegel und fragt sich fassungslos, wer einem da entgegenblickt. Man hofft insgeheim, dass dieser jemand mit einem nichts zu tun hat. Dieser Mensch muss sich aber total verstellen, um mir ein wenig zu gefallen, denkt man. Und dann verstellt man sich, man lächelt oder zieht die Haut über den Backenknochen glatt und findet sich auf einmal ganz sympathisch. Man muss es sagen, wie es ist: Man selbst zu sein, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Feststellung hat meinen Unmut übrigens noch stärker werden lassen, so dass ich außer der bereits erwähnten Kaffeetasse noch meinen gusseisernen Schirmständer in die Glastür zum Esszimmer gerammt habe. Die ist nun ebenfalls kaputt. Aber vielleicht habe ich Glück und kann diese Schäden im nächsten Jahr von der Steuer absetzen.
Euer Doktor Binswanger Gebsattel Winter