Fahrkartenkontrolleure
"Wir kriegen sie irgendwann alle"
Anfeindungen und Beleidigungen gehören für Fahrkarten-kontrolleure zum Arbeitsalltag. Wir haben drei von ihnen begleitet.
Die Straßenbahn hält. Heike Gülow, Frank Scholz und Hanna Schill* steigen in den mittleren der drei Wagen. Alle Blicke richten sich auf sie. Die Bahn fährt los. Scholz geht nach hinten, Schill nach vorne, Gülow bleibt stehen. Dann, fast im Gleichklang: "Guten Morgen, die Fahrausweise bitte." Hektisches Kramen setzt ein. Es ist kurz nach acht Uhr und die Scheiben der Straßenbahn sind beschlagen. Die Fahrgäste zeigen ihre Karten, manche sehen genervt aus, einige miss-mutig. Freundlich schaut niemand. Die Bahn stoppt an der nächsten Haltestelle. "Nach vorne?", fragt Frank Scholz. Die Kolleginnen nicken und folgen ihm in den ersten Wagen.
Seit sechs Uhr sind die Fahrkartenprüfer der Servicegesellschaft Saale (SGS) an diesem Tag in Halle unterwegs. Das Unternehmen wurde 2004 gegründet und kontrolliert die Straßenbahnen der Halleschen Verkehrs-AG. Heike Gülow ist von Anfang an dabei. Sie leitet eines von zwei Teams, ist für elf Mitarbeiter verantwortlich und kümmert sich neben der Arbeit in den Bahnen um Schichtpläne und Beschwerden. Mit ihrem ursprünglichen Beruf hat das wenig zu tun. Heike Gülow war Technische Zeichnerin, fand jedoch irgendwann keine Anstellung mehr. "Alles wurde auf Computer umgestellt, da waren Zeichner überflüssig", erzählt die 39jährige. Bei ihren Kollegen verlief es ähnlich. Frank Scholz war Fleischer und Hanna Schill EDV-Kauffrau. In ihren Berufen hatten sie keine Chance mehr, und weil man als Fahrkartenkontrolleur keine spezielle Ausbildung braucht, konnten sie bei der SGS anfangen.
Ein Traumberuf ist es für die Drei nicht, was auch an den täglichen Anfeindungen und Beleidigungen liegt. Als sie an einer Haltestelle auf die nächste Bahn warten, geht ein junger Mann an ihnen vorbei: "Ratten!" Er sagt es nicht laut, aber so, dass es Heike Gülow, Frank Scholz und Hanna Schill gut verstehen können. Sie schmunzeln kurz. "Das ist Standard", meint Frank Scholz, und Heike Gülow ergänzt: "Man muss ein dickes Fell haben. Wir sind eben nicht gerne gesehen."
Bei Beleidigungen bleibt es allerdings nicht immer. 2010 gab es sieben Übergriffe auf Kontrolleure in hallischen Straßenbahnen. Das Spektrum reicht von Schlägen und Tritten bis hin zu Messer- und Schlagring-Attacken. "Beim letzten Vorfall wurde ein Kontrolleur von einer Studentin gebissen", erzählt Hanna Schill. Um sich vor solchen Angriffen zu schützen, besteht ein Team immer aus mindestens zwei Prüfern. "Es geht allerdings auch um den Zeugenstatus", erklärt Heike Gülow.
Sie und ihre Kollegen müssen häufig vor Gericht aussagen. Meistens gegen notorische Schwarzfahrer, von denen manche schon weit über 50 Mal erwischt wurden. "Stammkunden" nennt Frank Scholz solche Fahrgäste. An einer Haltestelle entdeckt er einen von ihnen. Ein junger Mann mit kurzen Haaren, der anscheinend auch die Kontrolleure kennt. Als die nächste Bahn kommt, bleibt er stoisch sitzen. "Das macht nichts", sagt Heike Gülow achselzuckend. "Wir kriegen sie irgendwann alle."
Die Statistik gibt ihr Recht. Pro Tag erwischen die hallischen Kontrolleure rund hundert Personen ohne gültigen Fahrausweis. Auch heute ist das nicht anders. Hanna Schill kontrolliert eine Mutter mit ihrem Sohn. Sie haben nur eine Fahrkarte. "Und nun?", fragt Hanna Schill die Frau, die ihr versichert, dass ihr Kind sonst nie ohne Fahrkarte fährt. Die Kontrolleurin wippt kurz hin und her, als würde sie abwägen, was nicht abzuwägen ist. 40 Euro kostet Schwarzfahren. Für jeden. Auch für die Mutter und ihren Sohn. Hanna Schill nimmt die Daten der Frau auf und steigt mit ihren Kollegen aus.
Eine weitere Bahn kontrollieren die drei Prüfer gemeinsam, dann verabschiedet sich Heike Gülow. Sie muss zurück ins Büro, wo Schichtpläne und Beschwerden warten. Die Bahn, in die sie steigt, ist voll. Eine ältere Frau holt sofort ihre Fahrkarte hervor. Heike Gülow schüttelt lächelnd den Kopf. "Jetzt nicht, vielleicht das nächste Mal."

