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Glufkes Kolumne

Im Land der Orks


Ein eigenes Wappen zeigt Picassos Friedenstauben, Benzolringe und sechsstrahlige Sterne. Ich habe den Eindruck, es ist der Ort, der müde gähnend den Status einer Schlafstadt nie so richtig überstanden hat. Und manchmal muss ich die heimischen Gefilde meiner geliebten Saalestadt verlassen und in Gebiete eintauchen, die noch kein Altstadtbewohner zuvor gesehen hat. Ich muss nach Halle-Neustadt. Die Satellitenstadt, die wendebedingt leider nur ganz knapp den Status eines eigenen Weltreichs verpasst hat und nun in einem Dämmerlicht der Lebensfrequentierung hängengeblieben ist. "Gehe nicht", so warnte man mich immer als Kind, "gehe nicht in der Dunkelheit nach Halle-Neustadt, dort lauert das Böse. Und wenn du schon dahin musst, dann meide die Schatten. Wenn du nicht aufpasst, so wird dich das Böse in Gestalt eines verlängerten Baseballkeulenarms malträtieren." So konnte ich nachts eigentlich nie ohne Neustädter Alpträume einschlafen und bekam schlimmste Heulkrämpfe, wenn wir dann doch mal niedere Verwandte dort besuchen mussten. 20 Jahre später hatte sich meine Angst gelegt bzw. war der Angst vor Frauen unterlegen, so dass ich schon den einen oder anderen Tag in das Sumpfgebiet musste, um meine Freundin zu besuchen. Ich ging also wieder mal durch die Straßen, als ich bemerkte, dass Sperrmüllsammlung war. Und was ich dann erblickte, ließ mich wie Grzimek fühlen, als der das erste Mal die Serengti sah. Niedliche Ork- und kräftige Troll-Kinder spielten wundervoll vereint mit den abgesonderten Resten der Blockbewohner und -innen. Es wurden mit filigranen Fingern ganz sanft Zaunlatten den Holzbergen enthoben, um sie dann mit voller Wucht auf alles niedersausen zu lassen, was dort stand und kroch. Ältere Damen wurden ebenso von umherfliegenden Splittern und Latten getroffen wie Friedenstauben, das letzte Einhorn und alte Badewannen. Es trieb mir die Tränen in die Augen, das war wahre Mimikri, sie ahmten ihre Eltern und Großeltern nach und drückten ihre Wut recht kommunikativ aus. Ich wäre aber auch sauer, wenn man mich im Nichts sozialistischer Karnickelbauten vergessen hätte. Mir kam in den Sinn, doch an die Stadtverwaltung einen schallenden Ruf zu entsenden und zu fordern, sämtliche Mülldeponien und Verbennungsanlagen nach HaNeu zu verlagern, um das Gebiet wieder neu zu beleben. Es wären gleichzeitig mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: 1) Bräuchte man dort keine Spielplätze mehr bauen, die anstatt von Kindern genutzt zu einer Kothalde von Friedenstauben- und Drogengenerationen werden. 2) Hätte man das Problem der Müllvernichtung gelöst. Es gibt, so denke ich, nichts, was von diesen kraftvollen Kindern nicht zerlegt, zerschlagen oder in Staub verwandelt werden kann. 3) Könnte sich die Lokalregierung eine Armee aus willenlosen Schlägertrupps aufbauen (siehe Punkt 2), diesen demonstrativ Uniformen anziehen und Leipzig, wahlweise aber auch Magdeburg einnehmen. Damit wäre doch irgendwie allen geholfen, oder?


Wort: Tobias Glufke / Bild: T.L.