Max Raabe
Musik, die im Sommer entstanden ist
Max Raabe, der Sänger, der aus den 1920er Jahren zu stammen scheint, und Annette Humpe, die in den 1980ern im Verlauf der Neuen Deutschen Welle bekannt wurde, haben eine Platte produziert. "Küssen kann man nicht alleine" heißt diese, die Tour dazu führt Max Raabe auch in unsere Region. Wir trafen den schicken Herrn vorab.
BLITZ!: Mochten Sie als junger Max Raabe Neue-Deutsche-Welle-Titel?
Max Raabe: Ich kannte das alles und auf jeder Party lief das. Die 80er Jahre wurden sozusagen von Annette Humpe vertont. Ich mochte das. Das war ja einer der Gründe, warum ich mit ihr zusammenarbeiten wollte. Ihre Texte sind mir damals schon aufgefallen.
BLITZ!: Wie haben Sie sich die Arbeit am neuen Album aufgeteilt?
M.R.: Annette hat die Musik geschrieben und die Texte haben wir gemeinsam geschrieben.
BLITZ!: Wie diszipliniert haben Sie an "Küssen kann man nicht alleine" gearbeitet? Sie haben mal gesagt, sie seien eher vergnügungssüchtig ...
M.R.: Das ist wohl wahr, aber hier kam beides zusammen. Wir hatten im Januar 2010 gerade mal zwei Titel fertig und uns gesagt: Naja, drei müss-ten's schon sein. Lass uns doch einfach mal weitermachen und gucken, was draus wird. Dann haben wir zum Teil an zwei, drei Titeln gleichzeitig gearbeitet. Wenn wir bei einem Stück nicht weitergekommen sind, haben wir uns um ein anderes gekümmert ... Und dann sind die Stücke einfach so nach und nach gekommen. Das ist Musik, die im Sommer entstanden ist, die für mich komplette Sommer-Assoziationen hat. Wir haben irgendwo an einem See gesessen oder in einem Obstgarten, an der Kaffeetafel oder in der Küche bei ihr.
BLITZ!: Und dann erscheint das Album jetzt im Winter?
M.R.: Im Frühjahr! (Es erschien am 28. Januar - d.A.)
BLITZ!: Eine Nachfrage zum Stichwort vergnügungssüchtig: Wie vergnügen Sie sich?
M.R.: Ich kann mich an sehr einfachen Dingen vergnügen, zum Beispiel im Freundeskreis abends mal wegzugehen - das schätz ich sehr. Oder im Sommer an den vielen Seen um Berlin einfach Picknick zu machen.
BLITZ!: Wer geht mit auf Tour? Annette Humpe ja sicher nicht ...
M.R.: Nein, das war von Anfang an gar nicht der Plan. Ich toure mit dem Palast Orchester in üblicher Besetzung. Wir werden natürlich Titel spielen von dem neuen Album, aber eben auch unser eigentliches Repertoire.
BLITZ!: Gefällt Ihnen das Aus-dem-Koffer-Leben noch? Sie machen das ja schon ziemlich lange.
M.R.: Ehrlich gesagt, das ist das Einzige, was mir an meinem Beruf nicht mehr so richtig gefällt. Man kann auf Tournee ein paar Dinge abarbeiten, vor denen man sich zu Hause drückt. Der Sinn der ganzen Reiserei wird mir jedoch spätestens klar, wenn ich abends um acht auf die Bühne gehe. Da geht das richtige Leben dann los.
BLITZ!: In dem Zusammenhang: Bleiben Sie im Urlaub zu Hause?
M.R.: Wenn's eben geht, ja. Im Sommer find ich's in Berlin ganz toll, da muss ich gar nicht wegfahren.
BLITZ!: Mögen Sie mittlerweile Mobil-telefone?
M.R.: Sie sind eine ganz segensreiche Erfindung, aber Gott sei Dank bin ich noch drumherum gekommen, mir eines anzuschaffen.
BLITZ!: Was ist aus Ihrer Sicht an der heutigen Zeit schön?
M.R.: Allein die Tatsache, dass man immer fließend warmes Wasser hat, wenn man den Wasserhahn aufdreht, Zentralheizung und all diese ganzen Geschichten. Dass man reisen kann und für relativ bescheidenes Geld heute ziemlich weit kommt. Dass man die tollsten Sachen aus aller Welt essen kann, Delikatessen, Fisch und Käse aus aller Welt. Das war früher nur für eine kleine Minderheit möglich. Obwohl, ich finde es unsinnig, amerikanisches Tafelwasser in Deutschland zu bestellen oder italienisches. Ich hab allerdings in Amerika auch schon Gerolsteiner gesehen ...
BLITZ!: Und was war an den 1920er Jahren schön?
M.R.: In den 20er Jahren wär ich natürlich in die Theater gelaufen und hätte die ganzen Bands, die ganzen Orchester aus der Zeit gehört und wär einfach so durch Dresden 1928 gelaufen oder durch Leipzig. Das hätte mich wahnsinnig interessiert, wie das damals so aussah, welche tollen Autos da herumfuhren.
BLITZ!: Sie sind aber kein nostalgischer Mensch, der lieber in den 1920ern gelebt hätte?
M.R.: Ich weiß ja, was 1933 passiert ist und bin froh, dass ich heute leben kann. In Deutschland leben wir heute in einem friedlichen Land und in einem doch für alle relativen Wohlstand. Das war früher nicht der Fall, es gab Kriege und Armut. Das wird einem klar, wenn man sich mit der Geschichte der Komponisten und Texter der 20er Jahre beschäftigt.

