Manou in Weimar
Zwei Welten zusammenbringen: Künstler und Skater
Weimar ist die richtige Stadt für Künstler und Kunstliebhaber. Über einen Mangel an Ausstellungen kann man sich nicht beklagen. Die Kunstwerke werden alle schön präsentiert in Museen und Galerien, man muss Eintritt zahlen, und Menschen ohne Geld haben oft nicht die Möglichkeit, sich Kunst anzusehen. Streetart dagegen ist unabhängige Kunst für jeden, der sie sieht und wahrnimmt: Direkt, unmittelbar, nicht elitär.
"Keine Ausstellung bekommt mehr Besucher als die Straße", sagt Streetart-Künstlerin Manou, die seit 5. Februar bis 5. März in Weimar die Wanderausstellung "Skate & Shake" präsentiert, in der von 20 Künstlern aus sechs Nationen gestaltete Skateboards zu sehen sind. Dabei wurden ihnen keine Grenzen gesetzt, und so reicht das Spektrum von Installation und Malerei über Skulptur und Plastik bis hin zu Film und Fotografie.
"Ziel ist es, nicht in den üblichen Loca-tions wie Skatehallen und Fabrikhallen auszustellen, sondern das Deck an sich in einen anderen Kontext zu setzen, das Brett als Kunstobjekt zu sehen", erklärt Manou. Die Würzburgerin betreibt neben ihren künstlerischen Aktivitäten den Kunst-und-Design-Laden "Herr Pfeffer", eine Mischung aus Galerie und Shop, eine Plattform für junge Designer und Künstler; auch Bio-Klamotten kann man dort erwerben. Außerdem ist sie Skaterin. All das gehört für sie zusammen, ist Ausdruck eines "glücklichen und freien Lebens."
Manou tut das, was sie kann und was sie glücklich macht, und bereichert damit auch das Leben anderer. Ein scheinbar simples Konzept für Lebensglück, von dem manche verzweifelte Hausfrau träumt. Sämtliche Lebenshilfe-bücher wären unnötig, wäre da nicht die Illusion à la Wenn-ich-erst-viel-Geld-verdienen-würde-könnte-ich-meine-Visionen-verwirklichen ...
"Ich steh morgens auf und dann entscheide ich, worauf ich an dem Tag Lust habe. Und das tue ich dann. Das ist Luxus für mich. Groß Geld verdienen kann man damit nicht, aber mehr lachen kann man. Dass es das ist, was ich tun möchte, wusste ich schon mit 16, aber es hat einige Jahre gedauert, bis ich den Schritt gewagt habe, zu sagen: Ach was soll's, verdien ich eben nur die Hälfte im Monat, aber muss mir nicht mehr von anderen sagen lassen, was ich zu tun habe."
Streetart ist nicht erst seit dem New Yorker Graffiti-Künstler Basquiat die wohl unmittelbarste Kunstform. Graffiti kann mehr sein als "nur mit der Sprühdose durch die Gegend zu rennen und Wände zu bemalen. Es ist wohl eher so, dass ich graue und trostlose Stellen in der Stadt nicht mag und dann versuche, was anderes draus zu machen und irgendwie nach meinem Gefühl schöner. Da kann's aber auch schon mal passieren, dass grimmige Statuen auf einmal 'ne nette Wollmütze mit Teddyohren bekommen oder im seit Jahren leeren Brunnen auf einmal leere Papierschiffchen schwimmen."
Manou geht es vor allem darum, Tristesse zu vertreiben, auf Positives aufmerksam zu machen und das mit ganz viel Humor. Es gibt keine verborgenen Botschaften oder Bedeutungen, die nur ganz schlaue Menschen nach langem Betrachten ihrer Bilder erahnen können. "Die Sachen, die ich mache, finde ich in den meisten Fällen einfach schön - und fertig. Das Einzige, was sie wohl sagen ist: Hey, Dir auch 'nen schönen Tag. Und: Lach mal wieder. Traurige Sachen haben bei meiner Arbeit keinen Platz. Wenn ich was Trauriges haben will, schau ich fern."
Dabei liegt die Bedeutung in dem, was sie tut und erklärt sich von selbst: "Die Arbeit im öffentlichen Raum ist für mich die reinste Form, sich künstlerisch auszudrücken. Sie verfolgt nicht das Ziel, damit Geld zu machen. Dann kommt dazu, dass man mit einem Stück Streetart die größte Galerie der Welt zur Verfügung bekommt, den Public Space. Damit ist die Streetart auch freier Meinungsäußerung gegenüber den Betrachtern ausgesetzt, die Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachtern also gewissermaßen jungfräulich."
Dass Geld nicht die Voraussetzung dafür sein sollte, Kunst zu sehen und beurteilen zu können oder welche zu schaffen, ist Manou wichtig. "Die Skate & Shake habe ich aus Eigenmitteln finanziert. Dabei ist mir eingefallen, dass es viel cooler wäre, wenn man Ausstellungen und Inszenierungen einfach umsetzen könnte, ohne erst das Geld dafür verdienen zu müssen. Gerade bin ich dabei, einen Verein für die Förderung von Kunst im öffentlichen Raum zu gründen, um kreativen Leuten zu helfen, das Stadtleben für alle etwas bunter zu gestalten."
Dieses Ziel hatte sie wohl schon als Kind. Mit Straßenmalkreide wurde die Hauswand des Nachbarn verschönert sowie die Wohnzimmerwände der Eltern. Erst seit Manou eine Galerie hat, ist die Angst vor dem ungeregelten Künstlerdasein ohne festem Gehalt bei den Eltern nicht mehr so groß. Reaktionen, egal ob positiv oder negativ, sind ihr lieber als Desinteresse und Gleichgültigkeit. Und so wie jedem Künstler geht es ihr darum, dass in den Leuten überhaupt etwas ausgelöst wird: "Ich stehe auf Reaktionen aller Art, weil es zeigt, dass die Leute noch nicht eingeschlafen sind. Meine Sachen sind auch deswegen alle so gemacht, dass man sie ohne Probleme wieder entfernen kann. Das heißt: Wenn es Dir nicht gefällt, mach's weg oder mach was anderes hin. Wenn Sachen über Monate hinweg bleiben, dann gehe ich davon aus: Yep, gefällt."
Auch die Reaktionen auf die "Skate & Shake"-Ausstellung waren positiv. Die ersten beiden Stationen waren ein Kunstschiff und das städtische Theater in Würzburg. "Mit über 650 Besuchern hätte ich nicht gerechnet." Das Konzept will Grenzen verwischen, die Skate- und Kunstszene mischen. "Die Idee rumort eigentlich schon lange in meinem Kopf. Wenn man in Skate-Shops geht, dann sehen sich die Bretter zunehmend ähnlich - langweilig. Liegt aber eben daran, dass die meisten Designs von Leuten gemacht wurden, die selbst in der Szene verankert sind und sich dadurch stets gegenseitig beeinflussen. Ich hab mich dann gefragt, wie es wohl wäre, wenn ich Kunstschaffenden Decks in die Hand drücke, die noch nicht einmal wissen, wo bei dem Teil vorne und hinten ist."
Gerade dieser Versuch, zwei Welten zusammenzubringen, macht die Ausstellung so spannend. Das Schauschau ist dafür die perfekte Location: "Der kleine Laden ist frisch, urban, lebendig. Genau solche Orte finden wir toll. Orte mit Bewegung." Zur Vernissage am 5. Februar haben hiesige Künstler und Illustratoren kreativ interpretierte Decks ausgepackt. Und auch die Besucher bekommen die Möglichkeit, nicht nur den passiven Beobachterpart zu übernehmen: Ein Skateboard kann selbst gestaltet werden. Kunst ist immer dann am wirksamsten, wenn sie Strukturen auflockert, Bestehendes in Frage stellt und sich dabei nicht zu ernst nimmt. Manous Kunst ist ein Stück urbane Kultur, die sich nicht abhebt, sondern dazu motiviert, sich selbst als Teil dieser Kultur zu sehen.
Internet:
www.herrpfeffer.dewww.schauschau.com
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