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Dr. Winters Kolumne

Allergisch gegen alles


Liebe Freunde,
ich habe Positives zu vermelden. Der Frühling kommt! Soeben ist die Sonne mit einer solchen Kraft durch die Fensterscheibe gekracht, dass mein Stuhl einen halben Meter nach hinten gerutscht ist. Ein derartiger Schub ist natürlich ein überaus gutes Zeichen. Und auch die Mieter aus dem zweiten Stock, die sich immer nur flüsternd unterhalten, das allerdings so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht, haben sich kürzlich zugeflüstert, dass wir nun endlich die hässlichen Krallen des Winters abgeschüttelt zu haben scheinen. Recht haben sie. Ach, was ist das nur für ein wunderbares Gefühl, nach all den grauen Wochen endlich einmal über diese wunderbaren, mein Zimmer überflutenden, ekstatisch zuckenden, hell leuchtenden Sonnenstrahlen berichten zu können. Vor meinem inneren Auge sehe ich den Glanz der kommenden Wochen bereits überdeutlich vor mir. Im Stadtpark beginnen die Bäume in ungeahnte Höhen zu wachsen und überall, selbst in der Umgebung des Südbahnhofes, wo es einen immer etwas fröstelt, wird es warm sein. Frühling eben.
Eine Gruppe von Menschen begrüßt diese herrliche Jahreszeit allerdings nicht ganz so euphorisch: Die Allergiker. Ihnen droht mit jeder sich neu entfaltenden Knospe eine Niesattacke, die Schleimhäute schwellen an, Tränen steigen in die Augen, Juckreiz macht sich breit, es ist ein Elend. Früher, so wird behauptet, gab es keine Allergien. Damals hätten die Kinder beim Spielen wesentlich mehr Schmutz verwendet, als das heute der Fall ist, guten Schmutz, gesunden Schmutz, und dadurch wären Allergien vermieden worden. Durch dieses in zwanglosem Rahmen, aber regelmäßige Spielen mit Schmutz hätten sich die Kinder abgehärtet und wären zu abnorm robusten Geschöpfen geworden. Heutzutage, wo bei Unreinlichkeit sofort die chemische Keule geschwungen wird, bekämen sie von soetwas ja augenblicklich eine Schmutzallergie, und der Notarzt müsste kommen und ihnen schmutzauflösende Präparate verabreichen.
In unserer Zeit verhindert das Essen von Dreck keine Allergien mehr, sondern löst sie aus. Wie alles andere auch. Mittlerweile erstrecken sich Allergien längst nicht mehr nur auf Pollen und Blüten. Allergien zählen ja rein statistisch zu den beliebtesten Leiden. Jeder hat eine. Weil man einfach gegen alles allergisch sein kann. Gegen Tiere, gegen Pflanzen, gegen Hausstaub, gegen Lärm, gegen Ruhe, gegen Essen, gegen Musik, gegen Fernsehmoderatoren, Politiker und Vorgesetzte. Es gibt Bierallergien, die mit einer schweren Zunge einhergehen, und die äußerliche Anmut erheblich beeinträchtigende Unverträglichkeiten gegen bisher unerforschte Nahrungsergänzungsmittel. Und Bubi, der Wellensittich der beiden Mieter aus dem zweiten Stock, schleift immer den rechten Flügel nach, wenn er Jod- S11-Körnchen ins Futter gestreut bekommt. Ganz arm dran sind in diesen Tagen Menschen mit einer Sonnenallergie. Wo sollen sie denn hin in unserer hellen, leuchtenden Stadt? Nur ernstgemeinte Hinweise erbittend verbleibe ich bis zum nächsten Mal

Euer Doktor Kozyrskyj Pirquet Winter