www.mobook.de

Glufkes Kolumne

Alles, außer komisch


Neulich fuhr ich mit einigen befreundeten Poetry-Slammern gezwungenermaßen durch das benachbarte Bundesland Sachsen. Das ist dort, wo man "Gaggau" für ein schokoladenhaltiges Milchgetränk sagt oder "Mootschekiebschn" für ein Tier, das gerade vom chinesischen Plagiat überrannt wird. Wir kamen gerade von einer Veranstaltung in Dippoldiswalde und mussten weiter zu einer in Dessau. Als wir unter Zeitdruck die Grenze zu Sachsen-Anhalt passieren, zwingen mich meine westdeutschen Mitfahrer anzuhalten und zurückzufahren. Fassungslosigkeit steht in ihren Gesichter. Sie starren auf eine riesige Werbetafel. Mit dem überdeutlichen Slogan "Willkommen im Land der Frühaufsteher". Ich blicke beschämt nach unten. Ich weiß, was jetzt kommt. Lachen auf meine Kosten. Nicht nur, dass alle Welt denkt, dass wir die Arbeitslosigkeit erfunden haben, nein, jetzt auch noch das. Ich versuche mich zu rechtfertigen, dass wir laut einer Statistik um 6.39 Uhr aufstehen und das doch ganze neun Minuten früher als bei allen anderen Bundesländern ist. Wieder lautes Lachen. Moritz aus Hamburg bekommt sich gar nicht mehr ein und wirft mir einen Euro hin, weil ich einen guten Witz gemacht habe. Ich hebe ihn begierig auf und stecke ihn ein. "Damit du dir 'nen Pfeffi kaufen kannst", merkt er an.
Ich musste herausfinden, was es mit dieser Kampagne auf sich hatte. Zwei Tage später saß ich vor meinen Rechner und recherchierte. Ich finde zuerst die Slogans anderer Bundesländer: Bremen hat "Bremen erleben", Hamburg "Metropole Hamburg. Wachsende Stadt" oder Sachsen "Sachsen. Land von Welt". Als ich den von Hessen lese, muss ich lachen "An Hessen führt kein Weg vorbei". Die Menschen in den Werbeagenturen scheinen entweder Affen zu sein, die Farbe und Pinsel bekommen oder man köpft Hühner und lässt sie anschließend über ein Buchstabenrad laufen. Unser Slogan wurde begründet als Anlehnung an den von Baden-Württemberg: "Wie können alles außer hochdeutsch". Nur irgendwie ist unser nicht so lustig. Ich fahnde also weiter. Ich entdecke, dass Jens Bullerjahn (SPD) den Spruch "nur noch nervig" findet und Wulff Gallert (Die Linke) ein "Ende des Unfugs" fordert. Die dafür georderte Werbeagentur Peperoni aus Berlin bleibt ruhig, hat sie doch die aktuelle Regierung hinter sich. Peperoni macht beispielsweise auch Werbung für Altersvorsorge und die Berliner Stadtreinigung mit dem Titel "So grün ist nur Orange". "Wie bitte?", denke ich mir, "in die Liste passt aber ganz klar Sachsen-Anhalt und das frühe Aufstehen." Ich suche weiter und komme auf die Seite vom Land. Darauf steht: "Verdeutlicht werden sollte der Innovationssprung in den für das Land relevanten Zukunftsclustern. Strategisches Ziel dabei: Gewinnung von Investitionen." Ich verstehe gar nichts mehr. Bei Facebook klicke ich aber um 0.30 Uhr auf "Gefällt mir". Dabei grinse ich debil, denn ich bin jetzt Fan von Werbeagenturen. Zum Test stelle ich mir den Wecker auf 06.39 Uhr, schließlich wohne ich ja in Halle. Als ich gegen 12 Uhr aufwache, sehe ich, dass ich ihn im Halbschlaf zerschlagen habe. Ich rufe ein paar Freunde an und verabrede mich gegen 14 Uhr zum Frühstück. Alle sind Sachsen-Anhaltiner, selbstständig und erst gegen 10.30 Uhr aufgestanden. Ich erzähle ihnen von meinen Erkenntnissen. Wir beschließen daraufhin eine Werbeagentur zu gründen. Hühner und Farbe werden sofort eingekauft und Affen, ja Affen bekommen wir irgendwie auch noch.


Wort: Tobias Glufke / Bild: T.L.