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Hier spricht Ming Cheng

Lernen, lernen, nochmals lernen


Mein Heimatland nimmt zum ersten Mal an der sogenannten Pisa-Studie teil und belegt sofort den 1. Platz. Nach einem kurzen Schock der westlichen Welt über dieses überraschende Ergebnis folgte kein Anflug von Selbstzweifel oder gar ein Lernblick Richtung Osten, nein, es wurde gemotzt, wie mangelhaft die Studie sei und wieder über chinesische "Lernroboter" geschrieben. Über Schüler, die gut auswendig lernen können, aber so kreativ sind wie der Guttenberg beim Umformulieren von Texten. Um das noch zu unterstreichen kommt so eine durchgeknallte, vom Ehrgeiz zerfressene amerikanische Mutter mit chinesischen Wurzeln daher und schreibt ein Buch über ihre strengen Erziehungsmethoden. Und statt sie als Einzelfall zu sehen, was sie ist, steht sie gleich stellvertretend für das gesamte chinesische Erziehungssystem.
Doch bei all den Defiziten, wie kommt es, dass China seit 30 Jahren wirtschaftlich und weltpolitisch explodiert? Sicher, das Bildungswesen ist nicht Hauptträger dieses Booms, der hat viele Ursachen, aber in China bekommt man in der Schule noch viele Sachen beigebracht, die in Deutschland zu fehlen scheinen. Zum einen Respekt vor dem Lehrer, Respekt vor dem Lernen und Disziplin, denn ohne Disziplin lernt man nichts auswendig. Sicher, das Kreative, die Diskussion mit dem Lehrer, die aktive Meinungsbildung bleibt in China auf der Strecke, auf der anderen Seite ist es aber in Deutschland so, dass man so viel Wert auf die Bildung einer eigenen Meinung legt, dass das Lernen vernachlässigt wird. So kann jeder stundenlang diskutieren und jeder möchte zu allem seine Meinung sagen dürfen - das hat man ja schließlich gelernt, aber sobald man die Grundrechenarten abfragt, ist Ruhe. Das ist sicher überspitzt ausgedrückt, aber habt Ihr Euch mal umgeschaut, wie viel diskutiert wird in Deutschland? Über alles. Und jeder hat eine Meinung dazu, bloß passieren tut nicht viel.
Hinter dem Lerneifer in China steckt natürlich noch was ganz anderes: Die Angst vor der Armut und der Hunger nach Erfolg. Viele Eltern der heutigen Chinesen im Hochschulalter kennen das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen, arm zu sein und sich durchschlagen zu müssen. Und das wollen sie ihren Kindern nicht zumuten, die Kinder sollen Siegertypen sein, denen es an nichts fehlt. Und bei weit über einer Milliarde Einwohnern muss man eben besser sein als bestmöglich. Für viele Eltern heißt das, ihren Kindern einen Privatlehrer an die Seite zu stellen, alles zu tun, damit sie an die besten Schulen kommen und so weiter. In Deutschland ist das nicht so, Deutschland ist ein Sozialstaat, keiner muss Angst haben, völlig unter die Räder zu kommen. Was ist also zu tun? Eigentlich wie immer: Aufeinander zuzugehen. In chinesischen Schulen müsste die Persönlichkeit der Schüler mehr gefördert werden und in Deutschland das Kopfrechnen wieder Einzug in den Lehrplan halten. Und nach einem langen Lerntag entspannt Ihr dann bei einem Konzert von mir ...


Internet:

www.mingcheng.de


Wort: M. Cheng, S. Schneider / Bild: ELC