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André Kudernatsch André Kudernatsch

Kudernatschs Kolumne

Augen auf und Haare ab!


Als Kind hatte ich große Angst, dass dem Pudel Bernie die Augen rausfallen. Das sollte nämlich passieren, wenn man ihn gegen den Strich über den Kopf streichelte. So warnte mich sein Besitzer. Heute warnt mich niemand, aber ich fürchte mich schon wieder. Denn auch meine Freundin hat wunderschöne Locken auf dem Kopf, sie sind sogar noch besser als Bernies. Nur will ich auch bei ihr nicht, dass ihr die Augen rausfallen, weil ich sie gegen den Strich streichle - wenn nicht gar bürste. Also muss ich mir andere Stellen suchen, wo nichts rausfallen kann. Aber eigentlich ist das nur der Neid. Ich habe nämlich keine schönen Haare. Ich habe Haare wie ein Zeichentrickmännchen, wie der Dicke von Lolek und Bolek, bei dem die Haare durch drei Striche auf dem Kopf angedeutet sind. Meine große Chance ist in jedem Jahr der Karneval oder alle Jahre wieder die Fußball-WM oder -EM. Dann kann ich ganz ohne Scheu eine Perücke mit grünen oder gelben oder kunterbunt gestreiften Haaren samt Strähnchen tragen und fühle mich wunderschön.
Dabei gehe ich regelmäßig zu einem sehr guten Friseur. Doch auch da kann man mit den drei Strichen auf meinem Kopf nichts anfangen. Man kann sie nur etwas kürzer schneiden oder komplett entfernen. Für Dauerwelle oder Seitenscheitel taugen sie nicht. Der Friseur ist aber wirklich gut. Es ist der Friseurladen, in dem der berühmte Sänger Clueso einst den Friseurberuf erlernte. Besonders gut konnte Clueso Augenbrauen zupfen. Das kann er heute prima gebrauchen, wenn er an seinen Bandkumpanen herumzupfen möchte. Vielleicht sehen wir das ja bei seinem Konzert am 13. April in der Erfurter Messehalle. Ich bin schon sehr gespannt! Was mir aber niemand verraten will, ist das große Geheimnis, was mit all den abgeschnittenen Haaren beim Friseur passiert. Werden sie Tieren und Menschen ins Essen gemischt? Trägt man sie zum nahen Zahnarzt, dass der dann "Haare an den Zähnen" anbieten kann? Oder näht man sie zu Fellmänteln zusammen? Werden sie zum Wertstoffhof gefahren und als Sondermüll entsorgt? Oder schmeißt man sie einfach über die Mauer zum Nachbarn? Nee, das hätte ich gemerkt, da würden sie ja bei mir liegen. Von einer Kundin bei dem sehr guten Clueso-Friseur weiß ich, dass sie ihre abgeschnittenen Haare mitnimmt. Aber nicht, weil sie so geizig ist und nix zu verlieren hat. Nein, sie stopft sie zu Hause in die Maulwurfshügel - und das schreckt den Maulwurf ab. Sicher denkt der kleine Kerl: "Uh, da ist schon ein anderes Pelztier!" - und dreht bei. Aber ich nehme meine Haare nicht mit. Und viele andere Kunden auch nicht. Ich finde, wir haben ein Recht darauf zu erfahren, was damit in unserer Abwesenheit geschieht!
Bis es soweit ist und der Stadtrat darüber debattiert und in zwei Jahren vielleicht jemand klar und deutlich antwortet, male ich mir aus, wie es am schönsten wäre. Am schönsten wäre nämlich, die abgeschnittenen Haare ordentlich zu bestatten. In der Marktstraße in Erfurt würde es gleich am Eingang zum Café Nerly den passenden Bestattungsunternehmer geben. Der ist nämlich etwas anders als die anderen, um es höflich zu formulieren. Er dekoriert sein Bestattungsschaufenster wie folgt: Mit einer E-Gitarre, einem Fußball und Ziegelsteinen. Kunst, Sport und Handwerk sind somit final vereint. Am meisten beunruhigen mich jedoch erhängte Turnschuhe, die von oben ins Fenster baumeln und nicht an den Fußball heranreichen - so dass man automatisch an einen entmutigten Rot-Weiß-Spieler denken muss. Woher hat der Bestattungsunternehmer diese dekorativen Schaufensterinhalte? Sind das alles Give-Aways, die nicht mit in den Sarg durften? Unter der Erde soll schließlich niemand rocken oder kicken oder packen. Da ist Ruhe im Schacht - und unter den Radieschen! Solch ein mutig-munterer Bestattungsunternehmer hätte bestimmt das Zeug dazu, auch säckeweise Haare zu bestatten. Ein talentierter Grabredner würde ihm zur Hand gehen und feierlich sagen: "Asche zu Asche - und Haare an den Kopp!"
Eine andere, deutlich weniger feierliche Lösung, gibt es mit Sicherheit auch. Für alle, die es praktischer mögen. Man könnte nämlich die abgeschnittenen Haare beim Friseur einfach noch kleiner raspeln und anschließend ganz leicht als Feinstaub aus dem Fenster pusten. Also jedes abgeschnittene Haar nochmal in der Mitte teilen und dann nochmal und dann immer so weiter. Eben echte Haarspalterei!


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Wort: A. Kudernatsch / Bild: S. Winter