Poetry-Slam in Weimar
Die Performance zählt
"Poetry-Slam ist Lachen, Weinen, Spitten, Rappen, Beatboxen, Schreien, Flüstern, Lesen, Text vergessen und trotzdem weitermachen."
Eine treffende Beschreibung für die Atmosphäre eines Poetry-Slams. Das Zitat stammt von den Veranstaltern des Poetry-Slams Weimar. Christian Offe, gebürtiger Gießener und Ex-Wahl-Erfurter, wollte auch Weimar mit der Kultur bereichern, die ihn zum Schreiben angeregt hatte. Poetry-Slams sind eine Parallelbewegung zum herkömmlichen Literaturbetrieb, sie verbinden Club-Kultur mit Literatur, inspiriert vom HipHop-Battle und verwurzelt in mittelalterlichen Dichterwettstreits, wie beispielsweise dem Sängerkrieg auf der Wartburg. Es ist also passend, auch in Thüringen Poetry-Slams zu veranstalten. In Eisenach, Erfurt und Jena finden sie schon seit Jahren statt. Weimar war 1999 Austragungsort der deutschsprachigen Meisterschaften, auch im Rahmen des Mitteldeutschen Kirchentags 2009 gab es einen Poetry-Slam. So lag es nahe, daraus eine regelmäßige Veranstaltung zu machen.
Das Pult mit dem Wasserglas fehlt, es ist eher wie in einem Club, Bier und Ausgeh-Atmosphäre inklusive. Die Poeten treten gegeneinander an, das Publikum kürt den jeweiligen Sieger und am Ende den Sieger des Abends. Auch wenn Humor eine große Rolle spielt, schließt das politische und ernste Texte nicht aus. Im Gegenteil. Wichtig ist allein, dass die Texte etwas im Zuhörer bewegen, ihn zu einer Reaktion motivieren. Was manchmal gar nicht so einfach ist, wie Christian Offe weiß: "Es gibt Leute, die sich zu keiner Stimmung, weder Begeisterung, noch Ablehnung hinreißen lassen." Der Wettbewerbscharakter, der manchen vielleicht abstößt, dient dazu, die Zuschauer in Aktion zu versetzen, schließlich entscheiden sie darüber, wer gewinnt. Damit bekommt man wohl die glaubwürdigste Reaktion, nicht die einer "Jury mit Stock im Arsch" (Christian Offe). Die potenziellen Leser geben einzig und allein mit ihrem Applaus ein Urteil ab.
Doch die meisten Poeten, auch Christian, wollen ihre Texte nicht unbedingt gedruckt sehen. Es ist vor allem die Performance, die Gestik, Mimik und Vortragsweise, die den Text zu etwas Besonderem macht. Somit sind die Grenzen zwischen Comedy, Theater und Sport verwischt und Gedichte machen endlich wieder Spaß. Dichtung ist nicht tot, sie hat nur ihr Spektrum erweitert. Das Schöne an Poetry-Slams ist, dass sie sich nicht als ein Gegenkonzept verstehen. Sie sind einfach anders, eine Erweiterung und Bereicherung. Jeder kann und darf sich beteiligen, in der Weise, die er mag und kreativ umsetzen möchte. Individualität ist Programm und oberstes Gebot der Respekt vor dem, der sich traut, einen selbstgeschriebenen Text vorzulesen. Buh-Rufe u.ä. sind tabu.
Manche Poeten können mit ihrem Hobby Geld verdienen, indem sie Workshops geben. Für die meisten ist es eine Leidenschaft, gut neben einem Studium realisierbar, wie für Christian Offe, der jedes Wochenende unterwegs ist, von Slam zu Slam, deutschlandweit. Das erinnert wieder stark an die HipHop-Kultur der 1990er, als man jedes Wochenende zu einer anderen Jam unterwegs war und sich eine Gemeinschaft bildete - ähnlich wie bei den Poeten, die Konkurrenz als Ansporn und Herausforderung sehen, um besser zu werden.
Christian Offe schrieb schon als Kind gern Geschichten und wusste nach seinem ersten Poetry-Slam, dass er seine Sache gefunden hatte. Inspiration holt er sich bei anderen Slam-Poeten, nicht in Büchern. Gemeinsam mit Bleu Broode, einem in der Szene bekannten und beliebten Poeten, moderiert er auf sehr unterhaltende Weise den Poetry-Slam in Weimar. Bleu ist auch für den größten Teil der Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Unterstützt werden die beiden von der journalistisch und lyrisch tätigen Jenaerin Yin und der Fotografin Tanja - ein Team, das mit Begeisterung dabei ist und mit dem Mon Ami den idealen Ort gefunden hat. Im Mai 2010 fand dort der erste Poetry-Slam statt. Und um im reichen Kulturangebot der Stadt nicht unterzugehen, gibt's den nur aller zwei Monate.
Talentierte Poeten kommen und ein gemischtes Publikum. Das Gedicht ist Live-Erlebnis. In den 1960ern haben Jim Morrison und in den 1970ern Patti Smith versucht, Dichtung mit Performance zu verbinden, Bob Dylan, der auch als "Rimbaud des Rock" bezeichnet wurde, sowieso. Poetry-Slams sind die heutigeForm und bringen banale Alltagsstories neben schwarzem Humor und gesellschaftskritischen Texten. Entscheidend ist das Urteil der Masse. Vor dem Selbstdenken schützt das nicht, und vielleicht fühlt sich mancher von einem Slam angeregt, in den nächsten Buchladen zu gehen und sich Aristoteles "Poetik" zu holen oder Baudelaire, Goethe und Schiller. Oder auch nur eine Biografie von Kurt Cobain. Der hat in einem Satz ein klares Bild unserer Gesellschaft gezeichnet: "Here we are now, entertain us." Und vergesst das Bier dazu nicht.

