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Dr. Winters Kolumne

Den Hut ziehen


Liebe Freunde, dem aufmerksamen Zeitgenossen wird sie nicht entgangen sein, und auch mir ist sie kürzlich zu Bewusstsein gekommen: die Tatsache, dass Hüte aus unserem Stadtbild nahezu vollständig verschwunden sind. Kein Mensch trägt derzeit noch Hut. Dass jemand zum Grüßen eines an ihm vorbeieilenden Bekannten seinen Hut ziehen könnte, ist ja zu einer absoluten Undenkbarkeit geworden, einer Peinlichkeit ohnegleichen, wer einen Hut trägt, muss davon ausgehen, dass er von seiner Generation gemieden wird, dass man sich für ihn schämt, wer einen Hut trägt, steht schon mit einem Bein in der geschlossenen Abteilung. Abgesehen von lustigen Kappen und Mützen, die zusammen mit diversen, der Säuglingsmode entlehnten farbenfrohen Strickensembles getragen werden, sieht man fast überhaupt keine Kopfbedeckungen mehr. Na schön, hin und wieder begegnet man Leuten, die mit einem Sturzhelm auf dem Kopf die Treppen zur Krankenkasse nach oben eilen, aber der klassische, breitkrempige, aus Filz, Leder und Stroh hergestellte Hut ist verschwunden. Wenn mich nicht alles täuscht, scheint wieder einmal eine Ära zu Ende gegangen zu sein. Die Ära der Hutträger. Mit einer Gewissenlosigkeit ohnegleichen setzt man Köpfe heutzutage völlig unbedeckt den großstädtischen Gefahren aus. Aus unerfindlichen Gründen hält man es seit einiger Zeit für richtig, seinen Kopf völlig ungeschützt in den Weltraum ragen zu lassen. Selbst die abstoßendste Glatze wird für schöner erachtet als ein Hut. Das ist mir unverständlich. Sogar die perfekte Illusion eines riesigen Gehirnvolumens, die beispielsweise durch das Tragen eines Sombreros erreicht werden kann, verleitet niemanden mehr zur Anschaffung eines solchen Prunkstückes. Hier wird die Chance, mit relativ geringem Aufwand extrem intellektuell zu wirken, leichtfertig vertan. Schade, schade. Ähnlich verhält es sich mit dem Stetson, dem mit seitlich nach oben gewellter Krempe und am Hinterkopf herunterhängendem Fuchsschwanz getragenen Cowboyhut, dessen Anblick rein automatisch Scharfsinn und geistige Klarheit transportiert. Trotz seiner offensichtlichen Vorzüge lässt man sich in der Öffentlichkeit nicht mehr mit ihm sehen. Weitere Beispiele könnte ich mühelos anführen. Die Melone etwa, die ihrem Träger etwas Dumpf-Rabiates verleiht, vor allem, wenn er einen langen, schwarzen auf dem Boden schleifenden Mantel dazu trägt, oder den ungezügelten Frohsinn verheißenden Tirolerhut. Beide werden gleichermaßen geächtet, verpönt. Nein, es hat keinen Zweck, der Hut scheint ausgedient zu haben. Es ist ein Drama. Lediglich ältere, spitze, graue Filzhüte tragende Personen in kleinen grünen Ford Fiestas, die mit stark gedrosselter, den Verkehrsfluss enorm beeinträchtigender Geschwindigkeit den nächstgelegenen Supermarkt ansteuern, halten die schöne Tradition des bedeckten Hauptes aufrecht. Oft genug bin ich innerlich grollend, wie ein Besessener hupend hinter einem solchen Gefährt die Straße entlanggeschlichen. Aber jetzt denke ich anders über sie. Man sollte vor ihnen den Hut ziehen! Bis zum nächsten Mal verbleibe ich Euer
Doktor Dreispitz Trilby Winter