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Mario Thiel Mario Thiel

Mario Thiel

Das Universum und wir


Schwere Zeiten für Leute wie mich, die sich gern über ein bestimmtes Thema auslassen. Kaum hat man sich auf eins eingeschossen, kommt ein neues mit voller Wucht in die Medien.

Dabei fallen Sachen hinten runter, die ansonsten historische Dimensionen gehabt hätten. Gottschalk hört bei "Wetten dass" auf. K.T. zu Guttenberg, der beliebteste unter den beliebtesten Politikern, der Einzige, der Wahre ist weg. Keine Sau interessiert das noch. Für Kachelmann interessiert sich schon lange keiner mehr, was in meinen Augen viel früher hätte passieren müssen und uns stundenlange Langeweile im MDR erspart hätte. Okay, das stimmt so auch nicht ganz, denn wenn es um rückwärtsgewandte Langeweile geht, hat der MDR ein förmlich unerschöpfliches Repertoire. Es hätte uns nur Kachelmann erspart. Und der passt eigentlich perfekt zum MDR, denn das Wetter wiederholt sich ja auch ständig. Bei Bayern München wird das Mittelmaß zum Standard, und es gibt keine öffentliche Hinrichtung von Trainer oder Spielern, ja selbst eine Heimniederlage gegen Australien bringt Bundes-Jogi zum Schmunzeln. Noch nicht einmal der Ausfall von Micha Schumacher im ersten Rennen hält sich länger als einen Tag. Früher hätte das bis zum nächsten Rennen ganze RTL-Nachrichtensendungen beschäftigt. Was ist denn los?
Andererseits - die Welt dreht sich trotzdem. Allerdings nicht mehr wie früher. Schuld sind die Japaner. Genauer gesagt, nicht die Japaner, sondern das Erdbeben und der Tsunami, die Japan auf erschreckende Art heimsuchten. Das Wort Katastrophe bekommt seitdem eine völlig neue Bedeutung, und die Auswirkungen machen aus der großen weiten Welt ein Dorf mit sensiblen Fundamenten. Ich höre schon die CDU geifern, die Grünen hätten den Tsunami initiiert, damit Fukushima Probleme bekommt, was dann im hiesigen Ländle eine Angstpsychose verursachte, die am Ende einen Grünen in Baden-CDU-Berg an die Macht brachte. Dabei hat die Regierung nach Fukushima sofort reagiert und ein Moratorium beschlossen, um die Sicherheit deutscher AKW zu kontrollieren. In Deutschland wurden alle japanischen AKW vom Netz genommen. Plötzlich fand man alte AKW, die man sofort herunterfuhr. Warum eigentlich? Kurz vorher waren die weder alt noch unsicher. In einigen deutschen Gegenden wurden Probeerdbeben durchgeführt und Tsunami simuliert. Die Feuerwehren sollten bundesweite Wettkämpfe im Reaktorkühlen, AKW-Löschen und dem Abpumpen von radioaktivem Wasser durchführen, um im Ernstfall gewappnet zu sein. Außerdem hat man angeordnet, dass in deutschen AKW alle Fenster täglich geputzt werden müssen, um im Notfall eine gute Sicht auf die Reaktoren zu haben. In Fukushima sah man teilweise ganz schlecht, was los war im Reaktor, weshalb man als Information alles annahm, von völliger Kontrolle bis hin zu teilweiser Kernschmelze. Auf jeden Fall unbedenklich und selbst wenn der GAU passiert, auf 30 Kilometer um das AKW begrenzt.
Schön sind auch die Standardsätze der Politiker, die vor kurzem eine Laufzeitverlängerung von AKW vorantrieben: "Man kann jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen." Den Satz hatten plötzlich alle im Mund, dabei lag die Betonung auf "jetzt", das heißt, man kann später wieder zur Tagesordnung kommen. "Nicht einfach" heißt, es wird nicht leicht, die AKW bald wieder zu rechtfertigen. Wir haben es aber vor. Heuchelei ist der Fachbegriff für diese Form der Gefahr. Die wollen uns ernsthaft verklickern, dass man nach Tschernobyl keine Ahnung hatte, was in einem AKW im Katastrophenfall passieren kann. Und dass es damals Schlamperei war. Heute war es ein Tsunami, aber das kommt ja bei uns nicht vor. Und sollte doch mal ein Flugzeug auf ein AKW klatschen, dann wäre das nicht vorhersehbar gewesen, bliebe ein tragischer Einzelfall und wäre schlichtweg Pech. Da möchte ich hinzufügen: Vor allem für die dann Verstrahlten! Freunde, nicht der Tsunami hat ein Problem mit der Kernkraft verursacht, sondern der Mensch, der glaubt, die Kernkraft zu beherrschen. Oder wie es Einstein formulierte: "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."
Wütend sagt Ciao
Euer Mario


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Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade