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Matthias Brenner Matthias Brenner

Matthias Brenner

"Erschütterbar bleiben"


Zur nächsten Spielzeit nimmt ein neuer Intendant das Ruder in die Hand. Matthias Brenner löst Christoph Werner im Neuen Theater ab und feiert bereits im Mai mit seinem ersten Stück Premiere.

BLITZ!: Herr Brenner, Sie sind gerade im Vorbereitungsjahr auf Ihre Intendanz am Neuen Theater. Christoph Werner erzählte uns vor einem Jahr, dass das die intensivste Zeit ist. Wie geht es Ihnen denn gerade?
Matthias Brenner: Wissen Sie, immer wenn ich nicht hier vor Ort bin, bin ich nervös. Sobald ich aber wieder da bin, legt sich das. Dann weiß ich, warum ich das alles mache. Sicherlich ist es gerade eine sehr intensive Zeit, zumal die Diskussion um den Erhalt des Kinder- und Jugendtheaters lange wie ein Damoklesschwert über uns hing und wir keine Planungssicherheit hatten.

BLITZ!: Hätte es bei einer Schließung des Thalia Theaters einen Plan B gegeben?
M.B.: Nein, einen Plan B haben wir einfach verweigert. Wir können kein Kindertheater ersetzen. Aber wir wuss-ten ja auch nicht, ob wir unseren Plan A umsetzen können, also welche finanziellen und personellen Mittel wir haben.

BLITZ!: Das klingt, als wären Sie schon bestens mit den Nöten eines Intendanten vertraut.
M.B.: Die gibt es ja in jedem wirtschaftlichen Betrieb, und wir sind ja nicht mal wirtschaftlich und stellen außer Gefühlen, Worten und Klängen nichts her. Aber genau dieses gewisse wunderbare, überflüssige Nichts auf dieser Welt zu produzieren, ist unglaublich viel Arbeit.

BLITZ!: Zu diesem Nichts gehört auch "Zscherben - Ein Dorf nimmt ab!", ihre erste Inszenierung in Halle. Das Stück feiert am 7. Mai Premiere und ist eine Komödie über soziale Probleme, Medien und Macht. Wie kam es dazu?
M.B.: Dass ich überhaupt schon inszeniere, bevor ich Intendant bin, war Christoph Werners Idee. Er fragte mich, ob ich die letzte Saalpremiere übernehmen will. Ich fand das eine gute Idee, allein um mich und mein Team künstlerisch vorzustellen und auch ein bisschen die Anspannung zu nehmen, die mit einem Intendantenwechsel verbunden ist. Ich habe dann geplant, "Tartuffe" von Molier zu spielen.

BLITZ!: Und warum kam es anders?
M.B.: Das hängt mit einer Idee zusammen. In Zukunft soll es mehr Stücke aus eigener Feder geben. Darin sehen wir ein neues Allheilmittel, um rechtlichen und geldlichen Problemen aus dem Weg zu gehen. "Zscherben - Ein Dorf nimmt ab!" hat Jörg Steinberg geschrieben, mit dem ich gerade auch am Spielplan für die nächste Spielzeit arbeite. Und außerdem passt eine Komödie als künstlerische Eröffnung auch sehr gut.

BLITZ!: Sie wollen also auch gleich das Publikum für sich gewinnen?
M.B.: Wir werden den Zuschauern aufs Maul und in die Seele schauen, aber nicht in den Arsch kriechen. Da ist die Gefahr, als Erster wieder ausgeschissen zu werden, nämlich zu groß.

BLITZ!: Und in Bezug auf das Ensemble? Wollen Sie das auch schon einmal für sich gewinnen, immerhin sind fast alle Schauspieler bei "Zscherben - Ein Dorf nimmt ab!" mit dabei.
M.B.: Es gab ja viele Irritationen nach dem Intendantenwechsel zu Christoph Werner, toxische Geschichten, die ich aber nur aus Erzählungen kenne. Aber ich arbeite ab jetzt mit den Beteiligten auf Augenhöhe. Diese Ereignisse müssen irgendwann alle Anekdoten werden, und so ein Stück am Anfang kann da helfen und soll auch dem inneren Zusammenhalt des Ensembles dienen.

BLITZ!: Werden denn alle Schauspieler bleiben dürfen? Es ist ja nicht unüblich, dass ein neuer Intendant das komplette Ensemble auswechselt.
M.B.: In Halle ist das ja gar nicht möglich, weil viele Schauspieler unkündbar sind. Einen Grundbestand muss ich also übernehmen, mache das aber gerne und behalte auch Kollegen, die wir nicht verlängern müssten. Ein paar neue Impulse wird es aber trotzdem auch geben.

BLITZ!: Es müssen aber auch Schauspieler gehen?
M.B.: Ja, und das ist, was mich eigentlich als Intendant am meisten quält. Man bekommt es zwangsläufig mit Arbeitsbiografien zu tun und auch damit, diese nicht mehr weiterführen zu können. Mit meinem Gestaltungswillen breche ich den Gestaltungswillen anderer Leute ab. Damit habe ich zu tun und ich möchte da auch erschütterbar bleiben. Das soll keine Routine werden.


Wort: Julius Lukas / Bild: Sandra Reichel