Unterwegs mit HFC-Fans
Ein Tag im Kessel
Die Anhänger des Halleschen Fußballclubs (HFC) sind am Wochenende oft stundenlang unterwegs. In den Regionalliga-Stadien unterstützen sie ihren Verein.
Die Türen gehen auf. Rund 20 Polizisten stellen sich im Halbkreis um die Regionalbahn. Dann betreten die Fans des HFC den Bahnhof Berlin-Alexanderplatz. "Hurra, Hurra, die Hallenser sind da!", brüllen sie sofort. Die Türen schließen sich hinter ihnen ebenso wie die Reihen der Polizisten. Die Fans sind eingekesselt. "Und los!", ruft der Einsatzleiter. Alles setzt sich im Schritt der Beamten in Bewegung. Bis zur U-Bahn-Station sind es 300 Meter. Die martialisch anmutende Menge aus schwer bepackten Polizisten und schwarz gekleideten Fans schlägt eine Schneise in das rege Bahnhofstreiben. Passanten schauen erschrocken, manche bleiben regungslos stehen. "Chemie Halle, Chemie Halle!", schallt es durch die Bahnstation. Die Decken hängen tief und der Kessel, den die Polizisten bilden, ist höchstens fünf Meter breit. Entkommen kann man ihm nicht.
Drei Stunden Fahrt liegen an diesem Sonntag bereits hinter den Anhängern und ihren Begleitern. Kurz vor neun sind sie in Halle in den Zug gestiegen, um das Spiel des HFC gegen Türkiyemspor Berlin zu sehen. Unter ihnen ist auch Maik*. Der große, braungebrannte Fan gehört zu den "Saalefront"-Ultras, den bedingungslosesten Unterstützern des HFC. In der Regionalbahn setzt er sich zu Steffen Kluge und Uwe "Krümel" Striesenow, den zwei Fanbetreuern, die jede Auswärtsfahrt begleiten.
"Die sind echt fertig da unten. Dort ist es wie in der Sauna", meint Maik und schaut kurz zur Treppe, die in das untere Geschoss des Zuges führt. Ein Teil der Anhänger sitzt dort, frühstückt und trinkt. Manche Kaffee, andere Wasser, viele Bier oder Schnaps. "Krümel, kann man bei dir auch Karten für das Pokalspiel kaufen?", will Maik wissen. Der HFC spielt gegen Magdeburg, den Erzfeind. Uwe Striesenow nickt, doch Steffen Kluge hakt ein: "Du solltest erst abwarten, ob du Post bekommst." Maik schaut betroffen. "Stimmt, wegen Lübeck", überlegt er. Beim letzten Auswärtsspiel gab es ein Handgemenge mit der Polizei. Maik und ein paar andere Fans verbrachten mehrere Stunden in Gewahrsam. Ihnen droht nun, was für Tim* seit zwei Jahren Realität ist: Stadionverbot.
Der große, bullige Ultra gehört zu den Älteren in der "Saalefront". Er hat sie 2000 mitgegründet. Vor zwei Jahren war er dabei, als nach einem Spiel gegen Türkiyemspor die Polizei die Fans überrannte. "Ich weiß bis heute nicht warum", beteuert Tim, der seitdem Stadionverbot hat. Trotzdem fährt er zu jedem Auswärtsspiel und opfert dabei viel. Über 20.000 Euro hat ihn sein Ultra-Dasein bereits gekostet. Das meiste davon waren Bußgelder.
Wie Tim geht es vielen im Zug. Sie erzählen von Gerichtsterminen und Jugendarrest. Einen holte die Kriminalpolizei vom Arbeitsplatz ab. Seitdem hat er bei seinem Chef verspielt. Doch all das wird von der gemeinsamen Leidenschaft aufgewogen. Es geht ihnen weniger um den Sport, vielmehr ist es das Zusammensein, die gemeinsame Fahrt. "Würde ich schönen Fußball sehen wollen, wäre ich nicht Fan eines Regionalligavereins", meint Tim und grinst.
Als der Konvoi aus Polizei und Fans am Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin, Prenzlauer Berg, ankommt, muss Tim vor dem Stadion warten. Viele Fahrradfahrer und Jogger sind unterwegs. Es ist ein sonniger Tag. Der HFC zeigt 60 Minuten lang ein schwaches Spiel. Die älteren Anhänger regen sich auf, während die Ultras unbeeindruckt ihre Parolen grölen. Auch gegen Stadionverbote, vor allem aber für den Verein.
Der HFC gewinnt 4:0, Euphorie verursacht jedoch ein anderes Ergebnis. Magdeburg hat verloren und ist mitten im Abstiegskampf. Die Freude darüber zeigen die Fans auch. Auf der Rückfahrt muss in Magdeburg umgestiegen werden. Als der Bahnhof erreicht ist, zücken viele ein Taschentuch, winken damit und brüllen los: "Absteiger! Absteiger!" Die Polizei ist angespannt. Für die 50 Meter bis zum Zug kesselt sie die Fans noch enger ein.
Es ist der letzte Umstieg an diesem Tag. Noch eine Stunde dauert es bis nach Halle. Neun Stunden sind seit dem Start am Morgen vergangen. Für die meisten HFC-Anhänger ist das kein Problem. Sie sind lange Reisen gewöhnt. Nach Lübeck oder Kiel sind sie bis zu 16 Stunden unterwegs. Vielleicht haben manche deswegen noch nicht genug. Ein paar Ultras fahren noch nach Erfurt, um sich dort mit befreundeten Fans zu treffen. Zurück in Halle sind sie erst weit nach Mitternacht.
Internet:
www.hallescherfc.deWort und Bild: Julius Lukas
* Namen geändert

