Glufkes Kolumne
Es ist Frühling, schöne Frau
Es ist April. Es ist ein wunderschöner Frühlingstag, an dem Du mir auf einem Platz mit einer Wasserfontäne und massigen Stiefmütterchen begegnest. Ich sitze im Schatten und lese ein Buch, Du sitzt natürlich in der Sonne, die den Glanz Deiner Schönheit durch vereinzelte Strahlen umstreichelt. Du hast eine Sonnenbrille auf und sitzt vor mir wie eine Göttin der Sinnlichkeit, ein Abbild natürlicher Schönheit, das keinen der gesamten Schmuckgegenstände benötigt, die Du boagleich an Dich geworfen hast. Unsere Blicke streifen sich sehr vorsichtig, Du telefonierst, ich lese die Gadaffi-Biografie und muss immer wieder laut lachen. Das scheint Dir zu gefallen, denn Du siehst immer wieder herüber.
Der Platz am Juliot-Curie-Park besitzt eine frühlingshafte Schönheit, wie ich ihresgleichen nur selten gesehen habe. Tauben drehen schwarmgleich ihre immer größer werdenden Runden, landen, sie bewegen sich mit einer vorsichtigen Grazilität auf der Suche nach billigem Futter, was jeder Dreck sein könnte, den Menschen verlieren. Tauben, die Ratten der Lüfte.
Ein Hund, ein Golden Retriever, bewegt sich mit einer Herrin an der Leine, hüpft, springt, spielt und beißt, dass es eine Freude ist. Jahre später wird er sich wie seine quellende Herrin in der viel zu engen türkisen Hose wurstgleich über die Straße quälen, ohne die geringste Lust auf einen Sprung der Freude. Die Energie wird dem Drang nach Futter gewichen sein, wie bei einem Großteil der derzeitigen amerikanischen Bevölkerung, der seine Bewegungsarmut durch Rolltreppenfahrten auf dem Weg in die Fitnessstudios zu kompensieren sucht. Fitnessstudios, die Hamsterräder für Adipöse.
In dieser verdrehten Welt sitzt Du. Telefonierst, siehst zu mir herüber und rauchst. Wunderschön. Deine Bewegungen sind geschwungen wie ein rosshaargefärbter Pinselstrich in der Natur der Zeit. Fragen. Ich habe so viele Fragen, die ich Dir stellen möchte. Fragen über Dein Leben, über Deine Freunde, über Dich. Ich möchte mehr von Dir erfahren, möchte alles über Dich wissen, und eigentlich habe ich das Gefühl, meine Zeit nur noch mit Dir verbringen zu wollen. Natürlich geht das nicht, denn Du bist ja dort und ich hier und wir sehen uns nur an und wissen so gar nichts voneinander. Traurig eigentlich. Ich überlege, mein Buch, meine Ablenkung von Dir, wegzulegen und einfach auf Dich zuzugehen. Ich lächle. Ich lächle und sehe Dich an. Es kommt keine Reaktion. Ich lächle größer, breiter, debiler. Es passiert nichts. Irritiert sehe ich vorsichtig hinter mich, ob Du vielleicht etwas anderes, einen anderen ansiehst, wenn Du in meine Richtung schaust, aber es ist niemand da. Deine Sonnebrille verdeckt Deine Augen, und daher kann ich das erwartete kleine Funkeln mit dem Ausdruck "Looovvvve" oder "Lass mich Deinen Liebesnektar trinken", welches doch in meinen Richtung gehen müsste, nicht erkennen. Wo siehst Du hin, wen siehst Du an?
Währenddessen läuft ein kleines, hässliches Kind in einem rosa Parka durch ein Taubenmeer und versucht, einige Tropfen in Form von Federn zu sammeln. Genau wie ich Deine Blicke. Ich bin ein stiller Beobachter, irritiertes Degradieren trifft mich von geglaubter Aktivität zum verurteilten Passivsein. Das Kind lacht und wird abwechselnd von seiner Mutter und Großmutter an der Kapuze mit den Worten "Ey, nich alleine laufen, Frollein, hab ich dir schon 1.000 Mal gesagt, gleich klatscht es, aber keen Beifall" festgehalten, da es sich noch nicht selbstständig bewegen kann, ohne dem Wind der Bewegungsunkoodiniertheit überlassen zu sein. Ich träume von seiner Zukunft als Vollzeitprostituierte, als es taumelt, stürzt und heult, während der Mutter eine alte, angekaute Zigarre aus dem Mund fällt. "Prügeln, richtig prügeln, aber alle beide", schießt es mir durch den Kopf, doch es heult so laut, dass sich Deine volle Aufmerksamkeit ihm widmet. Du schaust in seine Richtung und Deine Blicke bleiben dort haften.
Seltsam. Ein mir erst jetzt auffallender Ast liegt neben dir. Ein Ast? Eher ein Stock. Ich strecke meinen Hals, um einen Blick auf diesen Stock werfen zu können, während Du nicht hinsiehst und Dich noch immer dem Kind zuwendest. Mein ganzer Körper wird ein Fernglas, Linsen brechen, während Muskeln sich anspannen und ich erkenne: Ich erkenne Deinen Blindenstock. Verdammt. Ich werde nicht zu Dir herübergehen, denn Du weißt gar nicht, wer ich bin. Ich werde Dich nicht kennenlernen, denn Du hast mich gar nicht wahrgenommen …
Tauben fliegen los und ziehen wieder ihre Kreis. Ich nehme das Buch wieder auf und vertiefe mich in eine andere Welt. Dort steht: "Gadaffi weinte bitterliche Tränen, als er die Absage der Kunstakademie Tripolis bekam." Und ich denke: "Wow, das habe ich doch schon mal über einen Österreicher gelesen." Und auf einmal verstehe ich, wie es ist, nach einer Abweisung die Weltherrschaft ergreifen zu wollen.

