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Kudernatschs Kolumne

Der Kopf im Topf


Gerade komme ich vom Erfurter Töpfermarkt - und ich muss Euch sagen, da gibt es noch Reserven. Nur Geschirr - und klirr! Da wird längst nicht alles rausgeholt, was drinsteckt. Es war zum Beispiel nicht ein einziger Friseur beteiligt, der einen Topfschnitt anbot, nirgends lag das Branchenblatt der Thüringer Töpferinnung "Topf aktuell" aus und auch für Kleinkinder gab's kein Töpfchen. Stattdessen fragte mich ein Touristenpärchen nach dem Weg zum Flughafen. Das Pärchen wollte um 16 Uhr zum Vorabend-Check-In. Bei manchen Leuten wird es scheinbar eher dunkel. Ich fragte zurück: "Welchen Flughafen meinen Sie denn, Erfurt-City oder Erfurt-Ikea?" Hektisch fummelten sie ihre Tickets raus, und schon tat mir die blöde Frage leid. Um den miesen Scherz auszubügeln, kontrollierte ich die Tickets rasch, nickte beruhigend - "Alles in Ordnung!" - und bot mich als Lotsen an. Ich brachte die beiden zum Fischmarkt, um sie in die korrekte Straßenbahn zu setzen. Das klappte, sie winkten mir zu, ich winkte zurück - und dann sah ich mitten im Winken auf dem Fahrplan, dass die Bahn nur bis zum Hauptfriedhof fuhr. Da kann man allenfalls liegen, aber nicht fliegen ...
Ich tröstete mich mit der Erkenntnis, dass die beiden in ihrem Jack-Wolfskin-Partnerlook sehr sportlich aussahen und schnittige Rollkoffer fuhren. Da sollten die restlichen Kilometer bis zum Flughafen keine Hürde sein, sondern eher eine Herausforderung, die es anzunehmen galt. Umso besser würde dann der anschließende Urlaub seine Wirkung entfalten. Das ist dieser verflixte Helferkomplex - man möchte helfen und schafft nur Komplexe. Ich hätte es wissen müssen, denn kurz zuvor wollte ich ein anderes Pärchen unterstützen, das ratlos mit einem Stadtplan vor der Barfüßerruine stand. "Was suchen Sie denn?", bot ich mich an. "Das wissen wir selbst noch nicht", kam als Antwort. Ich ließ die Beiden stehen und werde sie nun vielleicht täglich vor der Barfüßerruine wiedersehen, bis sie sich entschieden haben. Oft ist der Weg das Ziel - und wenn es in Erfurt nur der vom Hauptfriedhof zum Flughafen ist. Aber lieber so, als umgekehrt. Denn wer möchte in Erfurt landen und gleich an den Hauptfriedhof weitergereicht werden? Doch ich bin ja lernfähig. Deshalb hielt ich lieber den Mund, als die nächste Besuchergruppe vorüberzog und der Stadtführer erklärte: "Das hier ist der Fischmarkt - aber da gibt es gar keinen Fisch. Obwohl wir ganz viele Sushi-Lokale in Erfurt haben!" Ich sagte nichts und dachte mir lieber nur, ob denn im Augenblick überhaupt noch jemand Sushi essen möchte, wo das doch aus Japan kommt und vielleicht verstrahlt ist. Da kann man noch so vorsichtig mit Stäbchen essen, das hält die Strahlung nicht ab. Aber daheim las ich dann in einem schlauen Magazin, dass die Sushi-Zutaten schon längst nicht mehr aus Japan anreisen, sondern aus aller Welt stammen. Kein Problem also, merke:

Denn das meiste davon kam
aus dem Lande Vietnam.
China, Kenia, USA -
selbst Europa ist mit da.
Wasabi etwa holen
sie - glaube ich - aus Polen.

Wenn diese einfache Weise die Leute nun nicht überzeugt und einige wissen, dass die Würzlake für Sushi aus England kommt - möglicherweise aus dem strahlend schönen Sellafield -, sollte man bundesweit einen Stress-Test für Sushi durchführen. Oder besser ein Moratorium verhängen. Das ist ja gerade total angesagt, egal ob bei der Atomkraft oder bei Stuttgart 21. Man denkt sich ein Moratorium aus, und schon passiert über Monate gar nichts mehr. Man muss dann nicht mehr damit aufhören, womit man angefangen hat. Was du heute kannst besorgen, das verschieb auf übermorgen!
Und bis übermorgen können wir uns alle ja riesig freuen, wie grün das Land derzeit wird. Woanders ist es sogar noch grüner als in Thüringen. Einige fantasieren bereits davon, wie es wäre, in der Zukunft Schwarz und Grün zu mischen. Das, liebe Kinder, könnt Ihr ja gerne mal mit Euerm Tuschkasten ausprobieren. Rührt Schwarz und Grün zusammen und guckt, was dabei herauskommt. Richtig, es sieht wie Vogelscheiße aus. Immerhin kann man diese Kleckse dann herrlich überall an den Tapeten verteilen. Oder man schmiert sie an Tonkrüge. So etwas habe ich auf dem eingangs erwähnten Töpfermarkt gesehen. Und es war nicht schlecht. Es hat mich immerhin inspiriert - und mir ein Ende für diese Kolumne geschenkt.


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Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC