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Street Art in Jena - Die bunte Seite der Stadt Street Art in Jena - Die bunte Seite der Stadt Street Art in Jena - Die bunte Seite der Stadt

Street Art in Jena

Die bunte Seite der Stadt


Des Nachts, wenn alles schläft, sind sie wach und gehen los mit Farben, Kleber und Papier und wollen nichts lieber, als eine graue Stadt bunt machen. Street-Art-Künstler durchstreifen lautlos die nächtlichen Straßen, immer auf der Hut und doch mutig genug, den Regeln, die nicht ihre sind, zu trotzen.

Sie hinterlassen ihre Nachrichten in den größten Galerien der Welt, jenen, die für alle geöffnet sind, zu jeder Zeit und niemanden ausschließen. Anstelle von Leinwand und Zeichenpapier ziehen sie karge Hauswände und graue Mauern vor, um ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen. Was bleibt, wenn die Sonne am Morgen aufgeht, sind Kunstwerke, die die Bewohner bewegen sollen. Zuweilen fordern sie zum Umdenken auf oder einfach nur zum Hinsehen, nicht selten erheben sie den Zeigefinger und sprechen jungen Menschen aus der Seele. Ein anderes Mal erzählen die Bilder ganz unkompliziert eine Geschichte.
Die bekanntesten Street-Art-Künstler in Jena sind zweifelsohne SOME, deren Signatur seit Jahren auf vielen Wandwerken zu finden ist. Bereits 2009 eroberten sie sich die Straßenbahndurchfahrt am Ernst-Abbe-Platz und damit auch die Herzen vieler Passanten mit Emile, der kleinen Ratte (vielen bekannt aus einem Disney-Comic), die den Menschen freundlich und beherzt einfach nur einen schönen Tag wünschte. Natürlich war Emile nicht allen nur ein freundlicher Gast, er war auch ein Dorn im Auge und fiel, wie so manche Kunstwerke, der Reinigungskolonne zum Opfer. SOME gaben nicht auf und bauten Emile ein Grab und einen Schrein, der plakativ an seinen Tod und somit an das Unverständnis von urbaner Kunst, erinnern sollte. Emile, einst nur ein Paste-Up, wurde wahrgenommen und auch vermisst. Zu seinem Gedenken wurden tatsächlich Blumen niedergelegt. Das war ganz sicher ein Zeichen dafür, dass Street Art zum Identifikationspunkt für Menschen wird, dass sie wahrgenommen wird und dass etwas bleibt, auch wenn das Kunstwerk längst verschwunden ist.
Die Passanten der Stadt nehmen zuweilen die Einladung an und besuchen die Galerien der Stadt, wenngleich es oft nur bei einem flüchtigen Blick bleibt. Die Wahrnehmung der Umgebung wird dennoch eine ganz neue, sie verändert sich und strahlt plötzlich mehr aus, als Kälte von grauem Putz. Der täglich selbe Weg zur Arbeit oder zur Uni ist dank der Street-Art-Künstler nicht mehr nur Routine, denn wenn man genau hinschaut, so entpuppt sich dieser als sich stetig verändernder Raum, eine Umgebung, die sich bewegt.
Wie auch in Berlin gehört urbane Kunst zum Stadtbild Jenas, sie verleiht dem Ort Farbe, aber vor allem auch eine gewisse Aussage. Dabei geht es über eine allgemeine Verbuntung von einfarbigen Wänden hinaus, Street-Art-Künstler möchten u.a. provozieren und sich Gehör verschaffen. Denn neben Ästhetik stecken nicht selten auch politische Aussagen hinter den Darstellungen. Lauthals schreien sie von Plakaten: "Ihr zerstört unsere Häuser, wir eure Vorstellung von Sauberkeit." Gezeichnet: SOME. Sie rebellieren gegen all jene, die sich den gemeinschaftlichen Lebensraum zu eigen machen und allein bestimmen wollen, wie eine Stadt auszusehen hat. Die Künstler holen sich das Recht der Mitbestimmung zurück, sie wollen nach ihrer Auffassung kreativ-visuell mitgestalten.
Auch Installationen im öffentlichen Raum gehören zur Street Art, dabei sind es häufig ganz aufregende Kompositionen, die im Zusammenspiel mit dem Umfeld aufgebaut werden. Erst kürzlich stolperte so mancher Jenaer über zwei einbetonierte Stiefel, die mitten auf einem Fußweg abgestellt worden waren. Viele fragende Blicke und schmunzelnde Passanten konnte man am kleinen Flüsschen in Jena-West beobachten - das Nachdenken darüber, warum diese Schuhe dort hinterlassen wurden und was der Künstler damit ausdrücken möchte, konnte sich wohl niemand verkneifen.
Street Art gilt als anerkannte zeitgenössische Kunst und ist aus den Städten nicht wegzudenken, sie ist sicher eine der plakativsten künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten mit der höchsten Wahrnehmung durch die Bevölkerung. Street-Art-Künstler jedoch bleiben aus nachvollziehbaren Gründen meist unbekannt. Anonym sprühen und kleben sie in Verwendung von Pseudonymen ihre Kunstwerke und verschwinden danach wieder im Untergrund. Selbstverständlich liegt das auch daran, dass sie sich immer am Rande der Legalität bewegen und Angst haben, geschnappt zu werden. Diese Kunstszene steht im steten Kampf gegen Kapitalismus, Konsumgesellschaft und Ungerechtigkeit. Sie erobert sich urbane Räume zurück und ist nie leise in ihrer Kritik an der Gesellschaft und der Welt, mit der etwas nicht stimmt.
Die Stadt Jena gab den Lommerweg, entlang der Leutra, vor einigen Jahren in die Hände junger Graffiti-Künstler, die sich dort seitdem auf legal austoben können. Wenngleich ein zugewiesener Raum nicht das Ideal ist, bleibt er zumindest ein Ort, wo man ungestraft sprühen dürfen. Wahrscheinlich jedoch ist dies nur der Proberaum, denn den berühmten Fame, die Anerkennung der Kunst in der Szene, gibt es für ästhetische Umsetzungen im freien Raum. Jahr für Jahr geben Städte Millionen von Euro für die Entfernung von Graffiti, Tags und Postern an unseren Häusern aus - für sie bleibt diese Kunst der Dorn im Auge. Aber es gibt ganz sicher auch Leute, die sich tagtäglich an dieser Kunst erfreuen und schmunzeln, wenn sie etwas Neues auf ihrem Weg entdecken.


Wort und Bild: Yvonne Ratzmann