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Heiko Weingart, Chef des Mobilitätszentrums Heiko Weingart, Chef des Mobilitätszentrums

Unterwegs mit Fahrkartenkontrolleuren

Nichts für schwache Nerven


Der schwere Gang eines Fahrkartenkontrolleurs: Wir haben ein Team der CVAG begleitet, um mehr über den Alltag der neben Politessen wohl am meisten beschimpften Gruppe von Berufstätigen zu erfahren.

Ein dickes Fell zu haben, ist Voraussetzung für ihren Job. Nie trifft man sie allein an. In Chemnitz sind die knapp 30 Männer und Frauen nahezu täglich in Bussen und Bahnen im Einsatz. Keiner der nicht ganz so beliebten "Fahrausweisprüfer" spricht gern über die Arbeit, niemand will sich zu erkennen geben.
Etwa 20 der 30 Kontrolleure sind normale CVAG-Mitarbeiter - Busfahrer, Leute aus der Verwaltung oder Service-Kräfte. Die restlichen Prüfer kommen von der Saxonia Service GmbH & Co. KG, übernehmen als Sicherheitskräfte für die CVAG in den Abendstunden auch Geldtransporte oder Streifendienste - zum Beispiel an der Zenti.
Für ihre Kontrolltätigkeit gibt's zwar keine spezielle Ausbildung, doch "unsere Leute werden auf Stressmacher mit Deeskalationstrainings sowie Kundenservice- und Tarif-Schulungen vorbereitet", sagt der 40jährige Heiko Weingart, Chef des Mobilitätszentrums. Eine seiner eher undankbareren Aufgaben - neben vielen anderen schönen Tätigkeiten - ist es, die Einsätze der Prüfer zu koordinieren.
"Wir wollen die Kunden nicht ärgern, versuchen ihnen mit unserer Präsenz ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln." 45 Euro inklusive Bearbeitungsgebühr kostet einmal Schwarzfahren. Ausnahmen gibt's in den seltensten Fällen, Kulanzentscheidungen (die kosten sieben Euro) etwa bei einer nicht vollständig ausgefüllten Kundenkarte oder einem vergessenen Schülerausweis. Die oft als Kopfgeldjagden gescholtenen Kontrollen bringen der CVAG unterm Strich keinen Cent. Heiko Weingart: "Einnahmen und Kosten - für Personal und Verwaltung - halten sich die Waage."
Trotzdem müssen die Teams täglich abartige Sprüche und Beschimpfungen über sich ergehen lassen. "Am häufigsten werde ich Idiot oder Popsloch (in der verschärften Variante - d.A.) genannt", erzählt uns Kontrolleur Tom Schmidt*, der seit gut vier Jahren auf "Prüf-Tour" geht. "Ich bin froh, Arbeit zu haben. Sonst müsste ich vielleicht zu Hause sitzen. Spaß macht der Job eher selten." Sein traurigstes Highlight bisher: "Letztes Jahr bekam ich ohne Vorwarnung einen Ellenbogen ins Gesicht, musste für zwei Tage ins Krankenhaus. Der Schläger flüchtete."
Doch ihre Strafe kriegen sie alle irgendwann: "Drei Monate habe später habe ich ihn wiedererkannt und gleich angezeigt. Weil er schon vorbestraft war, landete er auch prompt hinter Gittern." Vor Gericht als Zeuge auszusagen, gehöre zum ganz normalen Alltag eines Kontrolleurs. Beleidigungen unter der Gürtellinie muss er sich täglich anhören. "Das ist Standard. Körperliche Übergriffe sind in Chemnitz zum Glück die Ausnahme."
Das bestätigt auch Chefkontrolleur Heiko Weingart: "Angegriffen werden unsere Mitarbeiter insgesamt relativ selten." Die Tendenz sei allerdings eher steigend. Für CVAG-Sprecher Stefan Tschök ist Schwarzfahren, wenn bewusst getäuscht wird, kein Kavaliersdelikt: "Das ist Betrug. Am Ende subventionieren unsere ehrlichen Kunden diese Leute." Etwa drei Prozent aller Fahrgäste stempeln regelmäßig nicht, schätzt Stefan Tschök. "Bei reichlich 100.000 Fahrten täglich macht das in Chemnitz etwa 3.000 Schwarzfahrten pro Tag. Kein Wunder also, dass wir mit unserem Team nahezu in jedem Fahrzeug fündig werden."
Die Schwarzfahrer kommen aus allen Altersschichten. Heiko Weingart: "Einmal habe ich sogar eine 75jährige Frau mit manipuliertem Fahrschein erwischt." Um ihn immer wiederverwenden zu können, hatte die ausgebuffte Rentnerin eine Wachsschicht aufgetragen. Absoluter Spitzenreiter ist aber ein männlicher "Fahrgast", dessen Gesicht und Namen mittlerweile fast jeder bei der CVAG kennt. Unglaublich aber wahr: "Wir haben ihn mehr als 140 Mal erwischt!"


Internet:

www.cvag.de


Wort: Frank Selig / Bild: Uwe Meinhold



*Name geändert