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Mario Thiel Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Themenwechsel, aber ununterbrochen


Neulich meinte ein Zuhörer nach einer meiner Lesungen, ich hätte es doch gut bei dem, was gerade los sei. An Themen mangele es nicht und ich müsse ja nur noch zugreifen.

Da konnte ich nur müde lächeln, denn die Kunst ist nicht, ein Thema zu finden, sondern eines, welches zwei Stunden später noch jemanden interessiert. Kaum hat sich ein Thema gefunden, bricht es medial so extrem über uns herein, dass man sich über ein neues freut, nur um das alte loszuwerden. Da ist eine Woche manchmal sehr lang. Der Will heiratet seine Kate in London vor einem Millionenpublikum an den Bildschirmen. Ich hatte mich noch gar nicht gefragt, welcher Dödel sich so etwas im Fernsehen stundenlang reinzieht und dann auch noch auf den zwei Öffentlich-Rechtlichen zugleich. Da hat sich Osama Bin Laden auch schon medienwirksam erschießen lassen, nur um dem Brautpaar die Schlagzeilen zu rauben. Übrigens, für die Big-Brother-Gucker, heißt der nicht Obama Sin Laden!
Apropos: Kann man diese Navy Seals auch für Container buchen? Quasi im Kampf gegen die Dummheit? Zwischendurch fand noch eine kleine historische Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. statt, was sich dadurch auch nur einen Tag in der Presse hielt. Deutschland spielt heimlich Eishockey wie noch nie und besiegt sensationell die Russen. Borussia Dortmund hat die Meisterschaft perfekt gemacht. Da habe ich den ersten Grünen als Ministerpräsidenten im AKW- und Autoländle noch nicht erwähnt und selbst die aggressive Raabmaschinerie für Lenas Titelverteidigung beim Eurovision-Inkontinenztest hat es schwer, auf Seite 1 zu kommen. Dort musste Fukushima sowieso runter, weil es nicht mehr in der Lage war, neue erhöhte Strahlenwerte anzubieten oder wenigstens Live-Bilder einer Kernschmelze.
Auch der Selbstverarschungsversuch der SPD, die zu blöde ist, sich von Thilo Sarrazin zu trennen, aus Angst, es könnte ihr letztes zahlendes Mitglied sein, hat es nicht einmal zu "Verstehen Sie Spaß?" geschafft. Selbst der Versuch, in der Doktorarbeit der FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin ein paar nicht kopierte Seiten zu finden, interessierte keinen, wie überhaupt der Geschäftszweig "Doktorarbeit als Kopie entlarven" ein wenig daniederliegt. Wobei ich feststellen muss, durch diese Schnüffelnasen haben wenigstens ein paar Leute überhaupt Doktorarbeiten gelesen. Die Universitäten scheinen sich mit so was Langweiligem gar nicht mehr zu beschäftigen und haben nur noch das Problem, zu losen wer "summa cum laude" bekommt und wer nur "cum laude", was teilweise von der "summa" abhängt, die vorher vom Doktoranden an die Uni geflossen sein könnte.
Auch schämt man sich fast, auf Muammar al-Gaddafi rumzuhacken, weil man das mit Behinderten nicht tut. Die Frage, warum die NATO oder UNO oder wie die jetzt heißen nicht ihrer selbsternannten moralischen Einstellung folgend nach dem libyschen nun auch das syrische Volk vor seinem Despoten schützt, sondern es beim erhobenem Zeigefinger bewenden lässt, wäre vielleicht angebracht, aber gerade medial unbedeutend. Die ganzen nordafrikanischen Herrscher, deren Namen selbst Mittelschüler kurzzeitig kannten, sind in der medialen Bedeutung hinter Justin Bieber zurückgefallen. Und die Tatsache, dass man diesen Weichspüler in Sydney mit Eiern beworfen, dass er Rücken und Israels Premier ein Treffen mit ihm abgesagt hat, ist medial völlig hinten runtergefallen. Allerdings zu recht!
Michael Schumacher könnte sich von Sebastian Vettel das Kinn operieren lassen, es käme höchstens bei RTL am Mittag. Ich befürchte sogar, diesmal wird man den Namen des DSDS-Siegers direkt nach der Final-Sendung vergessen haben. Übrigens auch zu recht. Was könnte ich mich über die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit auslassen, nach der Osteuropäer nun offiziell hier arbeiten dürfen, was das Problem einer arbeitsscheuen und leicht minderbemittelten Schulabgänger-Generation hier entscheidend abfedert.
Apropos mindere Mittel: In Dresden hat man jetzt zugeben müssen, dass der Umbau des Kulturpalastes finanziell nicht geplant wurde, sondern geschätzt. Auf jede konkrete Frage nach einem Umbaudetail kommt die Antwort, dass man mal sehen werde und das sicher noch hinzurechnen müsse, wie zum Beispiel die neue Orgel. Vielleicht sollte Jörg Pilawa nach Dresden kommen mit seiner Sendung "Rette die Million!"? Oder gleich aus Leipzigs Tunnel senden? Ach nee, dann hieße es: "Rettet die Milliarde!" Ist natürlich Unfug.
Apropos: Sachsens Finanzminister Unfug, nee, Unland hat neulich in einem Interview gemeint, man könne sächsische Lehrer nicht bezahlen wie anderswo, weil das ja Millionen mehr kostete und außerdem hat Sachsen gemessen an westdeutschen Maßstäben "erheblich mehr Lehrer, als wir benötigen" (Zitat!). Und im selben Interview auf die Frage, nach den diesjährigen Millionenverlusten der ehemaligen Landesbank meinte er wörtlich: "Das Problem Landesbank müssen wir ganz nüchtern sehen." Ich schluss-folgere - den Rest erträgt man nur im Suff! Und da hat er ausnahmsweise mal recht …
Schon beim Trinken, Ciao, Euer Mario


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Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade