Glufkes Kolumne
Zeig mir die Großstadt, Häuptling
Unser Kolumnist und Ursprungshallenser Tobias Glufke fuhr mit Kollegen von Sachsen nach Dessau, um letztendlich doch zu Fuß durch seine Heimatstadt zu laufen ...
Dies ist ein Reisebericht durch Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ich bin wegen einer länger andauernden Tour mit befreundeten Slammern in einem Auto unterwegs. Mit dabei sind Moritz aus Hamburg, Kai aus Hannover, Brian aus Halle und Markus aus Wien. Nachdem wir die Grenze von Sachsen zu Sachsen-Anhalt erfolgreich passiert und uns ausgiebig über den Slogan unseres Bundeslandes lustig gemacht haben, landen wir - nach einer längeren Odyssee - in Halle. In Dessau hat unser Auto seinen Geist aufgegeben, weshalb wir gezwungen waren, mit dem Zug nach Halle zu fahren.
Als wir nun endlich in Halle angekommen sind und die Türen des Bahnhofs hinter uns lassen, wird uns ein Ausblick beschert, den man nur selten hat: Ein paar Autos, Taxen, Antennenmasten soweit die Blicke schweifen können und ein Wasserturm mit der Aufschrift "Zoo". Richtiges Großstadtflair also. Schon leicht schwitzend ob dieses Eindruckes und doch glücklich, dass keiner den Witz mit den ostdeutschen Affen und mitgebrachten Bananen macht, sage ich, dass wir doch lieber mit der Bahn in Richtung Innenstadt fahren sollten. Sie fahre doch direkt durch. Markus meint sofort, wenn er schon mal da ist, will er auch die Stadt erlaufen. Es ist eine Eigenschaft mancher Reisender, wenn sie schon jeden Tag einen Auftritt in einer anderen Stadt haben, sich die Städte zu erlaufen, um überhaupt etwas davon sehen zu können.
Mir als Ursprungshallenser formt sich sofort ein dicker Kloß im Hals, denn ich kenne den Weg vom Bahnhof zur Innenstadt. "Neeeeee," sage ich, "neeee, ich bin so … müde". Natürlich will ich sie davon abhalten, diesen ersten Eindruck meiner Heimatstadt zu beziehen, denn den bekommt man nicht mehr so schnell los. Die anderen haben Wegblut geleckt und wollen nun auch laufen. Ich versuche sie durch stark hampelndes und kindisches Verhalten wie lautes Heulen und Schreien nach Keksen abzuhalten, aber nichts stoppt den schnaufenden Slammerzug. Der Tross setzt sich in Bewegung und ich jaule hinterher. Verdammt.
Als wir den unterirdischen Riebeckplatz mit den ausufernd zahlreichen Geschäften betreten, geht es schon los. "Wow! Juweliere in der Unterwelt", meint Moritz, als er diesen sieht. Ich frage mich plötzlich auch, warum genau dort ein solcher ist. Als wir gemeinsam entdecken, dass eine Dresdner Immobilienfirma für die Vermietung des Gebietes zuständig ist, wissen wir warum. 1945, vor dem Bombardement, haben die bestimmt ihr Gold hierher geschafft, um es zu bewahren und dann in der Provinz vergessen.
Weiter bewegen wir uns unter lautem Feixen vorbei am Leerstand und dem grandiosen Kunstprojekt, auf dem Menschen per Porträt zu sehen sind, die irgendwann mal mit der Kutsche durch Halle gefahren sind, um woanders hinzukommen. Was wir dann sehen, als wir den Boulevard erreichen, toppt alles: Hochhäuser, die im Abriss begriffen sind. Ich erkläre, das sei eine strategische Rückbaumaßnahme, damit die starke Frequentierung des oberen Boulevards abnehme. Hier sei sonst immer so viel los, dass sich auf dem Marktplatz keiner mehr anfinde. Zustimmendes Raunen. Ich erwähne lieber nicht, dass es sogar Initiativen gab, diese Hochhäuser zu retten.
"Was ist denn das?", schreit Kai plötzlich und zeigt dabei auf ein Haus, dass von einem gelben Netz gehalten wird. Ich erschrecke, da ich nicht dachte, dass sie es sehen würden und stammele: "Ein Kunstprojekt der Burg. Eine Reminiszenz an Christo und Jeanne-Claude, nur hat der Stoff nicht mehr gereicht. Versorgungsschwierigkeiten, kennen wir ja hier nicht anders …" Ich werde leiser, als ich das sage, weil ich merke, wie mich die anderen verständnislos ansehen.
Mit einem tiefen Atemzug ergreife ich die Initiative und ziehe an den Armen alle nach unten. Moritz und Markus rufen: "Ohr, Ein-Euro-Läden, wie schön", stürmen da hinein, kaufen irgendetwas, nur um dann von mir zu hören, dass es weiter unten für einen Euro sogar zwei Sachen gibt. Markus ruft: "Hier wird man ja nur betrogen" und will randalieren. Ich kann ihn nur mit Mühe davon abhalten.
Als wir nach weiteren Eskapaden in der Kleinen Ulrichstraße ankommen, habe ich den Kollegen von vier sich gen Himmel streckenden Fäusten erzählt, die als Denkmal in Baugruben verschrottet wurden, von bei eBay ersteigerten Reichstagsfahnen auf Halles Bordelldächern und von mit Fahrrädern geklauten, tonnenschweren Steinen des neuen Marktplatzes - wie von der Stadt proklamiert wurde, um Versorgungsdefizite zu überdecken.
Dass aktuell nicht alle Brunnen funktionieren und sogar Magdeburg überall fließendes Brunnenwasser hinbekommt, erwähne ich nicht mal, sondern sage, dass wir Wassermangel haben, weil wir gerade Merseburg putzen lassen. Jetzt ist eh alles egal. In einem Café der Kleinen Ulrichstraße werde ich später gedankenversunken in meinem Kaffee rühren und nach dieser Odyssee nur noch durch eine Idee gezeichnet sein: "Nächstes Mal werde ich garantiert ein Taxi nehmen, um mir diese Tort(o)ur zu ersparen. Mein Fluss der kreativen Erklärungen ist hiermit versiegt."

