Hier spricht Ming Cheng
Über die gute alte Zeit
Früher war alles besser! Diesen Spruch in all seinen Abwandlungen habt Ihr alle schon gehört, und vielleicht ging es Euch auch mal so ...
... dass Ihr die Vergangenheit glorifiziert habt. Von der "guten alten Zeit" hört man ja ständig, aber wo ist die "gute alte Zeit" und wo war sie? Ich singe ja bekanntlich viele Lieder der Comedian Harmonists, von Zarah Leander, Willy Fritsch und wie sie nicht alle heißen. Die Songs sind in der Tat gut und alt, die Zeiten ihrer Entstehung waren es weniger. Als Marlene Dietrich nach Amerika ging und dort groß Karriere machte, sah sie von weitem, was da auf Deutschland zukam: Eine Welle der Gewalt fegte die Weimarer Republik hinweg, eine Gewalt, die (kurz darauf) von der Regierung ausging und bis in die Kapillaren der Gesellschaft reichte. Von den USA aus kämpfte Marlene Dietrich gegen das Terrorregime der Nationalsozialisten, half jüdischen Künstlern, aus Deutschland rauszukommen und ging für die Alliierten an die Front. Weltberühmt aus dieser Zeit sind ihre Aufnahmen von "Lilli Marlene". Die Bild-Zeitung schrieb vor ein paar Wochen sogar, die Dietrich plante, Hitler zu ermorden. Da ist sicher nicht viel dran, aber die Dietrich sah es als ihre Pflicht an, gegen die Unmenschlickeit in ihrer Heimat anzukämpfen. Es war für sie wie ein Zweifrontenkrieg: In den USA musste sie verleugnen, Deutsche zu sein und wurde entweder als Österreicherin, Polin oder Tschechin dargestellt, und die deutsche Propagandapresse machte aus ihr eine Landesveräterin. Als der Krieg vorbei war, wurde sie von Seiten der Alliierten mit Orden und Preisen überhäuft, aber die deutsche Seite, die die Schrecken des Nazireiches am liebsten nur an der Person Adolf Hitlers festmachte, tat sich sehr schwer mit der Diva. Die wurde weiterhin als Vaterlandsverräterin beschimpft und zwar nicht nur von ein paar Alt-Nazis, sondern auch von der Presselandschaft und mittendrin der Bild-Zeitung. Somit sollte Marlene Dietrichs Gastspiel 1960 das einzige und letzte in der Bundesrepublik bleiben. Frustriert und verletzt wegen der öffentlichen Anfeindungen zog sie es vor, sich in Paris zur Ruhe zu setzen. Erst nach ihrem Tode 1992 wurde die Dietrich überall in Deutschland wieder gefeiert und als Heldin angesehen, auch von der Bild; eine neue Generation war herangewachsen, die ihren Mut neu bewertete und sie für das ehrte, was sie war, eine großartige Entertainerin und Frau. Allerdings kam dies - wie häufig - zu spät für die Geehrte selbst. Doch der Trick funktioniert auch hier: Hört man ihre Lieder, denkt man an eine längst vergangene, gute alte Zeit zurück, die man selbst gar nicht erlebt hat. Und falls es bei Euch mal wieder so weit ist, dass Ihr Euch erinnern wollt, dann macht das doch am besten bei mir im Konzert. Zu Ehren der großen Diva habe ich ein brandneues Programm aufgelegt, das die großen und kleinen Lieder des Stars zelebriert. Und ich verspreche Euch, bei mir müssen nicht erst Jahre der Verklärung vergegehen, bis Ihr mein Konzert gut finden werdet.

