Ulrike Melzer
Momentaufnahmen des Alltags
Ulrike Melzer macht sich Gedanken über Städte und Lebensgefühle. "Großstadtparanoia" heißt die daraus resultierende Lesung. Wir fragten nach.
BLITZ!: Dass Du beobachten und Dich in Situationen und Personen hineindenken kannst, zeigst Du seit Jahren als BLITZ!-Autorin. Doch neben dem Journalismus machst Du offensichtlich auch Literatur?
Ulrike Melzer: Eher umgekehrt: Literatur war immer wichtig für mich, geschrieben habe ich schon als Kind, die ersten ernstzunehmenden Texte dann mit 15. Das waren Gedichte, obwohl ich die eigentlich nicht mochte, jedenfalls nicht die klassisch gereimten. Doch als ich Rimbaud und HipHop entdeckte, merkte ich, dass es auch anders geht. Ich wollte aufschreiben, was ich sehe und wahrnehme, auch wenn es nicht nett und unterhaltend ist. Ich möchte auf eine andere Art dichten - so wie eine Momentaufnahme des Alltags, ohne zu verschönern oder zu banalisieren. Das journalistische Schreiben habe ich bei der Schülerzeitung entdeckt, doch erst durch den BLITZ! gelernt - und bin immer noch dabei.
BLITZ!: Für "Großstadtparanoia" hast Du in der Berliner U-Bahn und der Erfurter Straßenbahn gesessen, gestanden und geschrieben ...
U.M.: Ich habe meist im Sitzen geschrieben ... In U-Bahn und Straßenbahn passiert einfach am meisten, ich hab Eindrücke aufgeschrieben, aber die endgültigen Fassungen entstanden dann ganz klischeemäßig in Cafés.
BLITZ!: In welcher Stadt lebst Du hauptsächlich?
U.M.: Momentan lebe ich in Weimar. Dort habe ich Ruhe zum Schreiben, die mir in Berlin oft gefehlt hat. In Berlin habe ich drei Jahre gelebt und irgendwann möchte ich gern wieder dahin zurück.
BLITZ!: Was hilft Deiner Meinung nach gegen die wirkliche, die nichtliterarische "Großstadtparanoia"?
U.M.: Mir hilft das Darüber-Schreiben und -Singen. Paranoia entsteht ja durch diese Menschenmassen, die Reizüberflutung. Menschen, die dafür sensibel sind, werden gewalttätig, nehmen Drogen oder werden kreativ. In jeder Stadt gibt es Viertel, die mit dem, was der Tourist sieht, nichts zu tun haben. In der Stadt treffen verschiedene Welten aufeinander, also herrscht immer so eine diffuse Kriegsstimmung. Das ist dieses Gefühl der "Großstadtparanoia", was ich mit meinen Texten zu beschreiben versuche.
BLITZ!: Was erwartet uns am 21. Mai im Weimarer Schauschau?
U.M.: Ich werde meine Texte lesen, es wird nicht nur um "paranoide" Themen gehen, kein Versinken in melancholischen Gefühlen. Nachdenkliches und Lustiges über das, was ich beobachtet habe, Gedichte und Geschichten von Großstadtmenschen, unterlegt mit den Beats von Benno Roth. Dazu gibt es eine Ausstellung von Raziel a.k.a. Norbert Mehm, der zu jedem Text von mir ein Bild gemalt hat: Horrorcomicsurrealismus, inspiriert von Graffiti.

