Glufkes Kolumne
Rückzug zur Base
Dies ist ein Reisebericht durch Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ich bin wegen einer länger andauernden Tour mit befreundeten Slammern unterwegs.
Mit dabei: Moritz aus Hamburg, Kai aus Hannover, Brian aus Halle und Markus aus Wien. Nachdem wir die Grenze von Sachsen zu Sachsen-Anhalt erfolgreich passiert haben, landen wir nach einer längeren Odyssee in Halle. Als Erstes wurde hier mit großen westdeutschen Augen der Bahnhof und die sich anschließende Leipziger Straße bestaunt, dann der Marktplatz und die Große Ulrichstraße erlaufen. Auf dem Weg vom Bahnhof habe ich den Slammern u.a. erklärt, was die große Leuchtreklame "HL KOMM", die man sieht, wenn man den Bahnhofstunnel verlässt, wirklich zu bedeuten hat: "HALLE KOMMT". Nur ist der Stadt das Geld für die Buchstaben wie immer ausgegangen. Deswegen wurde auch nichts aus Halle und dem HFC-Weltreich.
Am Marktplatz angekommen, stürmen die Auswärtigen in das Touristenzentrum schlechthin, das Marktschlösschen. Wild wird sich im Hallorencafé durch gefühlte 465 Sorten Hallorenkugeln gegessen, von der Sorte "Kaffeepulver" über "Salz-Meereskristall" bis hin zu "Spanischer Gurke", woraufhin Brian, der letztere als einziger probiert hat, sofort auf Toilette muss und irgendwie nicht wiederkommt. Im Uni-Shop daneben kaufen sich Kai und Markus gesenkte Aktionsshirts für fünf Euro zum "Herrentag", auf denen dann doch nur MLU steht. Da sie nicht wissen, was es bedeutet, helfe ich ihnen: "Magdeburger Landeshauptstadts-Unterschicht". So werden hier Magdeburger und mancher aus Halle-Neustadt ausgestattet. Denen kann das Shirt sogar für 9,99 Euro verkauft werden, weil sie wie Schafe auf Angebote hereinfallen Großes Raunen.
Als wir den Laden verlassen und uns in Richtung Große Ulrichstraße bewegen, fällt Moritz sofort auf, dass sich gerade hier extrem viele Base-Läden befinden. Das registriert auch Kai. Ich habe vorher gar nicht so darauf geachtet, aber es stimmt wirklich. Die Straße ist voll damit. Keine Telekom, kein Vodafone, nur Base. "Etwas unheimlich", meine ich. Wir beginnen in die Straße und den Baserummel einzutauchen. "Base-Läden sind hier so zahlreich wie früher die vietnamesischen Gemüsehändler. Diese wurden aber laut hallischem Volksmund nach Rumänien abgeschoben. Aber wohin will man die Base-Händler abschieben, zurück nach Belgien?", raune ich. Moritz schreit auf und fragt, was dann mit den armen Kindern sei.
Kai klammert sich plötzlich vollkommen verängstigt an mich. Hinter ihm war gerade noch ein Zigarettenladen, jetzt steht in großen blauen Buchstaben BASE darauf. Ich winke ab. "Komm", sage ich und zeige auf ein anderes Geschäft, "hier gibt es Zigaretten." Wir gehen hinein, ich zeige auf eine Schachtel Gauloises, als mir der Händler ein Handy in die Hand drückt: "Hier das neue Nokia 1210 im Kuhdesign mit zwei Stunden Garantie und einem Hintergrundbild von Phillip Rösler. Nur 0,15 Euro, wegen des Bildes, plus Fünfjahresvertrag von Base." "Kreisch", entfleucht es mir, Kai zittert nur noch. Ich packe ihn und ziehe ihn hinaus. Aus dem Müller-Kaufhaus gegenüber kommt ein Mann im Base-T-Shirt und bietet uns ein Apple-I-Phone an. Mit Multitouch-Display für die Bedienung mit bis zu 37 Fingern, integriertem Kaffeekocher und Katzenmelkmaschine. Wir laufen schneller weiter, plötzlich scheint die Straße ladenleer und basebesetzt.
Zitternd ziehen wir Telekom-Flyer aus unseren Taschen, die wir uns auf dem oberen Boulevard haben geben lassen, und halten sie den auf uns zuströmenden Base-Angestellten entgegen. Aus den Taschen fallende Vodafone-Angebote verpuffen, bevor wir sie aufheben können. Telekom scheint zu wirken, mit einem "Krchhh" halten sich die Base-Verkäufer die Augen zu. Aus dem Hintergrund drängt sich ein Base-Verkäufer, der mit einem Headset verwachsen scheint, nach vorn. Er sieht den Telekom-Flyer, lacht und sieht zu uns herüber: "Eure Götzenbilder wirken hier nicht!", ruft er mechanisch, seine Augen werden rot und der Flyer fängt Feuer. Dann bietet er uns einen sofort kündbaren Vertrag mit einem Internet-Stick an.
Markus zuckt zurück und zieht sein O2-Handy. Der Base-Verkäufer taumelt rückwärts, dringt in einen Schatten ein und verschwindet. Anstatt seiner fallen hunderte Handies herunter, als wir in den Schatten leuchten. Er ist uns entwischt. Alle anderen Base-Händler können wir beseitigen, indem wir ihnen unsere O2-Handies direkt ins Herz schlagen und sie sich kreischend in Angebots-Flyer auflösen. Alle Base-Läden explodieren daraufhin mit einem lauten Knall. Müde und vom Elektro-smog leuchtend wie ein Fisch im japanischen Meer helfen wir, die Straße zu säubern. Plötzlich, mit einem "Plopp", sind statt Base überall Fast-Food-Läden wie Döner, Burger King und McDonalds. Wir ziehen unsere biologisch hergestellten Salatköpfe und begeben uns mit einem markerschütternden Kampfschrei einmal mehr in die Schlacht für eine gerechte Sache. "Nächstes Mal sind die Tankstellen dran", ruft Markus und wirft die erste Tomate.

