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Hier spricht Ming Cheng

Über Wanderarbeiter


In letzter Zeit wird es immer einsamer um mich, nicht unbedingt wegen lonely at the top (schön wär's), sondern weil viele meiner Freunde mit dem Studium fertig sind und irgendwo auf der Welt Arbeit gefunden haben. Bei einigen ist es sogar so, dass der eine Partner in einer anderen Stadt arbeitet als der andere. Häufig reicht es dann gerade für ein, zwei gemeinsame Wochenenden im Monat. Ist das Lebensqualität? Gute Frage. Wie bei fast allem kann mein Heimatland China das von der Menge der Betroffenen noch toppen. Ihr habt sicher schon von den Wanderarbeitern gehört? Das sind meist Männer, die es von den Dörfern in die Städte zieht. Dort arbeiten sie dann, meist tausende von Kilometern fern der Heimat, für Hungerlöhne auf Baustellen und in Fabriken unter Bedingungen, die man sich gar nicht vorstellen möchte. Viele haben in ihrem Dorf bereits Familie. Höchstens einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, können sie sie besuchen. Es kommt auch vor, dass beide Eltern irgendwo arbeiten und die Kinder bei den Großeltern aufwachsen. Warum tut man sich so etwas an? Hier in Deutschland geht es sicher auch ums Geldverdienen und Durchkommen, ebenso aber um Selbstverwirklichung und den besseren Job. In China ist es das nackte Überleben. Auf dem Dorf gibt es zu viele Arbeitskräfte, um sie alle in der Landwirtschaft unterzubringen. Viele Bauern bearbeiten ein kleines Feld, machen nebenbei noch Heimarbeiten und kommen trotzdem gerade so über die Runden. Steigende Lebensmittelpreise, Schulgeld, Arztrechnungen - das will alles bezahlt werden. Süßigkeiten für die Kinder? Die gibt es höchstens zum Frühlingsfest. Die Ausbildung ist ohnehin schlecht, die Dorflehrer sind meist frisch von der Uni und wenig motiviert, da wollen die Kids früh weg, in die Städte, wo das Leben brodelt und man Geld verdienen kann. Vom brodelnden Leben kriegen sie dann wenig mit, bei Schichten um die zwölf bis 16 Stunden am Tag. Und in den Städten werden sie mit Verachtung gestraft, die ungebildeten Dorfis. Aber in ihrer Heimat, wo die Preisgefüge und Vorstellungen von Luxus andere sind, sind sie dann gemachte Leute. Ihr Lohn reicht, um sich im Dorf ein kleines Haus zu bauen und die Familie durchzubringen. Vor ein paar Jahren besuchte ich Verwandte im Nordwesten Chinas und traf auf einen 14jährigen. Auf die Frage, ob er noch Schüler sei, meinte er nur: "Nein, da lernt man nix, ich gehe bald in eine Großstadt, um dort Hochhäuser zu bauen." Als ich nun vor einiger Zeit einen Studienfreund fragte, warum er von Leipzig nach München ziehe und seine Familie für eine Weile allein lasse, obwohl er hier doch auch nicht schlecht verdient habe, sagte er nur. "Nächstes Jahr um die Zeit soll eine E-Klasse vor meiner Tür parken."
Für die, die noch in Leipzig geblieben sind: Auch in diesem Monat singe ich wieder für Euch!


Internet:

www.mingcheng.de


Wort: M. Cheng, S. Schneider / Bild: ELC