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Mario Thiel Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Gewinner gibt es immer


Ich bin jetzt auch bei "Gesichtsbuch", da man als moderner Mensch ohne dieses Netzwerk scheinbar sozial nicht mehr existiert.

Als ob man sagen würde, dass man beim Telefonieren auf eine Wählscheibe setzt, weil man Tastaturen für Teufelszeug hält. Natürlich ist dieses soziale Netzwerk sehr praktisch. Früher wusste ich bei der Frage nach der Anzahl meiner Freunde nicht genau, ob ich prahlen oder tiefstapeln sollte. Darum sagte ich immer "Zwei!", was wohl beides bedeutete. Heute genügt der Verweis auf mein Profil mit dem Hinweis, dass es ständig mehr werden.
Auch der Krampf mit den Privatpartys hört auf. Hatte man eine Einladung zum runden Geburtstag rumgeschickt, meldete sich keine Sau zurück oder man sagte am Tag davor noch schnell ab. So war die Zahl der Gäste immer ein Glücksspiel, bei dem zwischen fünf und 50 Teilnehmer auftauchen konnten. Heute reicht doch der Eintrag beim Netzwerk, das Reservieren einer städtischen Großfläche und der Anruf bei einer Großküche. Natürlich kommen da ein paar Leute. "Ja, Schatz, wir haben gerade die Tausend-Gäste-Marke geknackt. Ach so, die Polizei? Ja, die ist wegen uns da. Wie jetzt, Armee auch? Panzer?" Da bekommt der Begriff Event für Geburtstage wieder einen Inhalt!
Sinn der Sache ist auch, dass man ganz viel über seine Freunde erfährt. Es muss nicht immer der Abgleich aller Handy-Daten der Menschen einer Stadt sein oder das Abhören einzelner Gespräche. Liebe sächsische Justiz: Schaut doch einfach beim Netzwerk rein! Noch besser: Befreundet Euch mit den vermutlichen Gewaltverbrechern und Ihr werdet alle Infos bekommen, die Ihr braucht. Vermutlicher Gewaltverbrecher ist in Sachsen scheinbar fast jeder. Wie sonst kommt man auf eine Million Handy-Daten allein in Dresden? Beim Netzwerk wird zwar der Datenschutz groß geschrieben, aber die Nutzer können zum Glück mit ihren eigenen Daten machen, was sie wollen. Kann doch jeder wissen, wo ich geboren wurde, wann ich Geburtstag habe, wo ich zur Schule ging und wer zu meiner Familie gehört. Früher mussten Geheimdienste, Polizei und potenzielle Freundinnen so was noch recherchieren. Manchmal haben die das trotzdem nicht erfahren. Heute? Sogar die Gesichter sind frei nutzbar für alle. Auch zum Anmelden. Du zeigst Deinem Computer Dein Gesicht und der meldet Dich beim Netzwerk an. Es kann natürlich sein, dass der Rechner nach Nächten, wie zum Beispiel nach dem Geburtstag mit mehreren tausend Freunden, sagt: "Kenn ich nicht!" Oder er analysiert in der nächsten Entwicklungsstufe Dein Gesicht und meint: "Nö. Du siehst scheiße aus!" Dann hätten wir endlich das Netzwerk für Schöne. Cool wäre auch eine Anmeldung mit einem fehlerfrei gesprochenen deutschen Satz. Da wäre man selbst im Netzwerk einsam. Wäre aber nicht Sinn der Sache, denn Gesichtsbuch "ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen" (Zitat Facebook).
So kann ich meiner Frau mit dem "Gefällt mir"- Button sagen, dass ich es klasse finde, dass das Essen fertig ist, wie sie gerade an meine Pinwand postete. Ich könnte das auch kommentieren, je nachdem was es zu essen gibt. Überhaupt muss ich nichts mehr unternehmen, außer im Netzwerk Inhalte zu teilen. Sonnenaufgänge bekomme ich per Handyfoto geschickt. Untergänge auch. Sogar weltweit. Der Morgenverkehr wird kommentiert. Manchmal auch der Straßenverkehr. Zu Veranstaltungen werde ich eingeladen, kann aber absagen, weil ich am nächsten Tag die besten Pics vom Event im Netzwerk finde, samt Kommentaren, wie es wirklich war. Ich verteile nur noch Sympathien über den "Gefällt mir"- Button. Steak auf dem Grill fotografiert? Toll! Die Hitze? Finde ich auch heiß. Den selben Regenbogen habe ich auch gesehen. Tolle Frisur übrigens. Die Frauen-WM-Halbzeitergebnisse? Habe ich schon von "Zwitschern".
Wann wird eigentlich der "Gefällt mir nicht"- Button erfunden? Damit könnten z.B. Politiker einfach testen, was das Gesichtsbuch-Volk von einigen ihrer Ideen hält. Zum Beispiel von den Plänen zur Privatisierung der Landesbühnen und der Fusion von Elbland-Philharmonie und dem Orchester der Landesbühnen. Oder von Diätenerhöhungen um mehr als sechs (!) Prozent bei Bundestagsabgeordneten mit dem Hinweis, "diese Erhöhung bewegt sich in etwa im Rahmen der Tarifabschlüsse". Ich wusste gar nicht, dass die Erhöhung von Managergehältern auch Tarifabschluss genannt wird. Aber vielleicht werden die von den Gewinnen aus der Griechenland-Pleite bezahlt. Denn Gewinner gibt es immer!
Eigentlich sollte der Button "Euch finde ich scheiße" heißen und man darf dann alle anklicken, die es betrifft. Da hätte sogar die FDP einen Haufen Stimmen. Apropos: Vielleicht stelle ich die Kolumnen bald bei "Gesichtsbuch" rein und wenn dann eine Milliarde Menschen "Gefällt mir" anklicken, habe ich es geschafft. Was auch immer ...

Ich freue mich auf Millionen Sommer-Eindrücke meiner Freunde und sage "Gefällt mir" schon jetzt!

Ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade