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Phillip Boa Phillip Boa

Phillip Boa

Arroganz als Schutzschild


BLITZ!: Phillip, 20 Jahre nach der "Helios" beziehungsweise 18 Jahre nach der "Boaphenia" sind genau diese zwei Werke als Nummer 4 und 5 Deiner Remastered-Collection veröffentlicht worden. Du gehst mit Nummern dieser zwei Platten bereits auf die zweite Tour in diesem Jahr. Die Häuser waren voll. Es ist ein Phänomen, Leute über so viele Jahre so fest an sich zu binden. Verehrer, die auch nach über 20 Jahren Songs, nennen wir es mal böse Oldies, hören, auch neben den Singles wie "Master Of Demona" oder "Pretty Bay", als hörten sie diese zum ersten Mal. Wie erklärst Du Dir das?
Phillip Boa: Wir spielen wieder die Songs, die auf der ersten Tour im Frühjahr besonders gut funktioniert haben. Das haben wir vor vier oder fünf Jahren schon mal so gemacht. Die Tour ist allerdings nicht halb so gut gelaufen. Wir können uns nicht erklären, warum es so gut läuft. Es gibt keine Tendenz. Ich weiß auch nicht. Wahrscheinlich weil die Songs gut sind. Sie klingen nicht altmodisch, nicht wie 18 oder 20 Jahre alt. Das ist wohl der Grund. Und weil für die Leute viele Erinnerungen dranhängen. Du hast einen Song in der Kindheit gehört und dann willst du ihn wieder hören. Dazu gibt's auch welche, die die Songs zum ersten Mal live hören. Einige Stücke wie "Master Of Demona" - das mag ich eigentlich nicht so - haben wir vorher noch nie live gespielt, auch nicht vor 18 Jahren. Ich weiß nicht, die Alben sind einfach gut. Wir sind nicht so wie andere Bands. Das ist ein Argument.

BLITZ!: Wenn wir nun dieses, nennen wir es weiterhin Phänomen oder diese Eigenart betrachten, so könnten wir erahnen, dass heute im 21. Jahrhundert, 2011, nicht genug qualitativ Hochwertiges in der Musik nachkommt. Nichts Ähnliches, dass die Leute wie vor 20 Jahren vom Hocker reist.
P.B.: Das sagst Du. Das könnte ein Erklärungsversuch sein. Wenn ich das als Antwort geben würde, dann wäre das wieder arrogant. Vielleicht ist da ja was Wahres dran. Ich versuche einfach gute Arbeit zu machen. Alles ist liebevoll gemacht und persönlich. Auch durch die Hilfe der Fans. Unsere Musik ist zeitlos. Wir versuchen immer das Beste zu geben. Ich weiß nicht, ich kann es nicht erklären. Die Songs sind eigenständig. Wir hatten auch nicht immer gute Zeiten. Die Nuller-Jahre waren schlechter. Ich weiß nicht. Ich denke immer selbst darüber nach.

BLITZ!: "1999, Culture dies". Ein Zitat der "She" von Dir aus dem Song "1996". Ist die Kultur am Verenden, ist sie tot? Zumindest wenn man deutsches Fernsehen sieht oder deutsches Radio hört, könnte tatsächlich davon ausgegangen werden.
P.B.: Die Kultur generell ist schon immer scheiße. Für eine eigenständige Musik, die hier und da mal ein bisschen weh tut, nur ein mini-bisschen, gibt es keine Plattform mehr. Selbst in Berlin gibt es nur noch Radio 1, und selbst das ist kommerziell geworden. Aber das soll wohl wieder besser werden … Ansonsten hörst du nur noch Lady Gaga, also Top 10. Da darf keine Gitarre drin sein, weil das den Werbekunden verstört. Das ist das, was Du meinst: Culture dies. Und das ist auch das, was ich meine. Heute kommt noch dazu, dass Künstler, die neu anfangen und eine Vision haben, was schaffen wollen, nicht nur Geld verdienen wollen, überhaupt keine Plattform mehr kriegen. Das ist noch viel stärker eingetreten, als ich das damals vorausgesehen habe.

BLITZ!: Solche Sender wie einst DT 64 fehlen?
P.B.: Ja, klar! Das fehlt absolut. Da haben wir auch gespielt, 1989. Das war super. Das war genial. Ein geniales Programm, genau! So was gab's dann noch reduziert im WDR, teilweise in Berlin und im Hessischen Rundfunk. Jetzt gibt's nichts mehr. Das passt nicht mehr ins Format. Das wirkt sich natürlich auf die Gesamtkultur aus, weil die Leute heute gar keine coole Musik mehr hören. Die kennen nichts mehr. Das ist eine Kulturkrise. Während Millionen und Abermillionen an Kulturgeldern in recycelte Musik einfließen, in Opern und Konzerte, die vorher schon tausend Mal langweilig gespielt worden sind, haben Künstler, die mal über die schlechte Seite der Liebe singen, keine Möglichkeiten mehr.

BLITZ!: Alles muss weichgespült sein!
P.B.: Erfolgreich muss es sein. Dann ist da die Frage, wie wird es erfolgreich. Durch einen blöden Werbespot! Heutzutage entstehen viele Top-10-Hits in Deutschland für eine Werbeagentur, bei einer Werbeagentur, sind direkt von der Werbeagentur gemacht. Das kann ich auch. Das ist absurd. Wir haben damit zum Glück nicht solche Probleme. Wir haben unser eigenes Independent-Imperium, verwalten das selbst und das funktioniert super. So haben wir schon 1986 angefangen.

BLITZ!: Mit dem TV-Spartenkanal ZDF Kultur haben uns die Gebührengeier ein kleines Geschenk bereitet. Hier können wir zum Beispiel sehen und hören, wie Musik in England funktioniert. Bei "Later With Jooles" treten nacheinander Künstler verschiedener Stilrichtungen auf: Pop, Rock, Country, Blues, Jazz, solo oder mit Band. Das funktioniert bei Musikern wie beim Publikum. Würde eine solche Sendung in Deutschland produziert, spielten nacheinander Peter Maffay, Gottlieb Wendehals, Rammstein, Andrea Berg und Phillip Boa. Nicht vorstellbar, oder?!?!
P.B.: ZDF Kultur finde ich cool. "Later With Jooles" kenn ich seit über 20 Jahren. Da hörst du ganz populäre Sachen und dann wieder was ganz Verschrobenes. Na klar, das kann ich mir vorstellen. Aber Andrea Berg, ich glaube nicht, dass es sowas in England überhaupt gibt. Weißt Du was, das ist eine Form von Kultur. Und da sind wir beim deutschen Problem. Die Deutschen übertreiben sehr. In einer Alternativ-Sendung musste immer strikt Indie oder Alternativ gespielt werden. Alles was Top 30 war oder überhaupt in den Charts war, wurde ignoriert. Das ist die falsche Herangehensweise. Jooles Holland sucht alles selbst aus. Er war Keyboarder bei Squeeze. Der sucht alle Musiker liebevoll aus - und so funktioniert das. Hier wurden ähnliche Sendungen reduziert auf das Unkommerzielle. Was langfristig dazu führte, dass die Sendungen aus dem Programm genommen wurden. Weil sie nur noch von absoluten Minderheiten gehört wurden. Ich finde eine Mischung schon immer gut. Aber das gab es hier noch nie. Radio 1 funktioniert streckenweise ganz gut. Aber ja, ZDF Kultur ist super. Ist nur die Frage, wie lange die das durchhalten. Das ist schon fast Übertreibung. Die sind sehr geil. Ich habe dort viele Festivals gesehen: Melt! und Roskilde und ein paar andere. Und dann noch die Typen, die auf dem Dach spielen, akustisch. Es gibt gute Tendenzen. ZDF Neo ist auch nicht so schlecht. Besser als Radio.

BLITZ!: Könntest Du Dir vorstellen mit Künstlern anderer musikalischer Sparten zusammenzuspielen? Wer steht hoch in Deiner Gunst?
P.B.: Ich habe schon mit tausend Leuten gespielt. Ich spiele auch mit anderen tausend Leuten. Mit David Bowie würde ich gern spielen. Aber mit dem habe ich schon gespielt. Das ist mein Held, mein größter Held. Auch The Clash. Die gibt's aber nicht mehr, weil der Sänger tot ist. Ich würde mit ganz, ganz vielen spielen, auch aus anderen Sparten. Das Verbissene liegt mir fern.

BLITZ!: Könntest Du Dir vorstellen, mit Peter Maffay zu spielen?
P.B.: Wenn Peter Maffay nett ist, trink ich mit dem auch ein Bier. Als Mensch habe ich nicht persönlich was gegen ihn. Ich habe auch nichts gegen einen alten Blues-Gitarristen, der eine geniale Blues-Gitarre spielt. Warum auch? Das wäre doch unmenschlich und arrogant. Arroganz wird bei mir nur als Schutzschild benutzt. Ansonsten bin ich das eigentlich nicht.

BLITZ!: Gibt es sonst noch jemanden hier, außer Peter Maffay, mit dem Du gern spielen würdest?
P.B.: Ich habe nicht gesagt, dass ich gern mal mit Peter Maffay spielen würde. Ich halte ihn für menschlich okay, glaube ich, was man so hört. Das wollte ich damit nur sagen.

BLITZ!: Zu Hause, während der Fahrt im Auto, im Zug oder beim Fliegen - hörst Du Dich eigentlich auch selbst? Nicht neue Sachen, um zu prüfen? Alte Songs, mal die "Philister" wieder gehört, in der "Lord Garbage" geschmachtet?
P.B.: Das versuche ich zu vermeiden, um Distanz zu gewinnen. Und um mich nicht zu wiederholen. Ich habe meistens die Songs aufgenommen und live gespielt und dann nie wieder gehört. Für die neuen Auftritte muss ich sie dann wieder studieren, und die Songs sind nicht einfach zu spielen. Ansonsten versuche ich das zu vermeiden. Nicht weil sie schlecht sind oder so. Mir fehlt der Abstand. Das ist komisch …

BLITZ!: Was hörst Du?
P.B.: Arcade Fire ist eine gute Band. Aber das weiß ja mittlerweile jeder. Und Amy Winehouse. Hahaha. Zwei Songs von der finde ich auch ganz gut. Ansonsten. Keine Ahnung. Englische Songs. Mir fällt echt nichts ein.

BLITZ!: Phillip Boa ist bei vielen Kritikern noch immer kurserhöht, der diametrale Gegensatz zu vielleicht den Sportfreunden Stiller. Der deutsche Avantgardist, König des Independent. Ohne weitere Superlative von anderen Journalisten zu nennen. Kunst ist aber nicht nur Musik, Kunst ist vor allem auch Literatur. Du bist belesen, ein großer Freund von Anthony Burgess. Können wir irgendwann ein Buch von Phillip Boa lesen?
P.B.: Ich trau mich nicht ... Ich trau mich einfach nicht zu schreiben. Ich habe Angst vor dem Misserfolg und den Verrissen. Das hemmt mich. So ein doofes Buch über mein Leben zu schreiben. Das könnte ich machen. Ein Buch, das cool ist. Auch da habe ich Angst vor. In der Musik weiß ich, dass ich das und das und das kann, und meistens ist das auch gut, relativ. Literatur habe ich nicht gelernt, und ich kann nicht kontrollieren, ob ich gut bin. Das fehlt mir einfach.

BLITZ!: Muss man sich unbedingt kontrollieren können?
P.B.: Ich will ja kein Buch schreiben, das schlecht ist. Ich will ja nicht mein ganzes Lebenswerk zerstören und mein Ego … Vielleicht mach ich's ja doch. Dann muss ich aber erst mit der Musik aufhören. Aber das sind Pläne. Es gibt Notizen. Es gibt eine Menge zu schreiben. Aber es bleibt die Angst vor dem nicht Gutsein.

BLITZ!: In anderthalb Jahren hast Du mit fünf Dekaden die Hälfte Deines Lebens erreicht. Was erwartet uns musikalisch von Dir nächstes Jahr, in den nächsten Jahren. Nochmal Remastern? Neue Studioalben aber doch mit Sicherheit ...
P.B.: Es gibt noch ein, zwei Alben, die ich gern remastern würde. Eigentlich drei. "Philister" wird jetzt gerade gemastered. Aber nur für den digitalen Gebrauch. Daran habe ich gerade gearbeitet, kürzlich. Ansonsten arbeite ich seit zwei Jahren an einem neuen Album. Und ich traue mich gerade nicht, das zu veröffentlichen. Die "Helios-Boaphenia"-Sache muss erst hinter mir sein. Das belastet mich. Das ist ein riesiger Schatten. Das war eigenständig, hatte Qualität. Ich habe Anfang 2000 gelesen, die Band war früher besser. Die Platten waren früher besser. Besonders zwischen 1986 und der "She". Danach soll angeblich alles schlechter geworden sein. Mir fehlt da leider der Abstand. Deswegen habe ich jetzt Angst und muss wissen, ob das gut genug ist.

BLITZ!: Glaubst Du nicht, dass Meinungen subjektiv sind?
P.B.: Das tut trotzdem weh. Es gibt ja Messfaktoren. Keine Ahnung. Ich mache trotzdem noch ein neues Album. Aber ich muss sicher sein, dass das auch gut ist...


Internet:

www.phillipboa.de


Termine:

26.11. Gera, Comma


Wort: Dorothea Tröbs, Thomas Käberich / Bild: P.D.