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Kudernatschs Kolumne

Ich kann sie nicht sehn, die Puffbohnenbohème


Was ist das für ein Wort, das seit ein paar Jahren durch Erfurt eiert: Puffbohnenbohème? Puffbohne geht ja noch - die kennt man. Das ist das Wahrzeichen von Erfurt. Und das ist dieses räudige Billigplüschtier, das in der Touri-Info keiner kauft. Denn es hat keine Arme und keine Beine und ist krumm. Bohnen sehen nun mal so aus! Deshalb kuschelt man sie nicht, sondern isst sie.
Der Bohèmien wiederum hat Arme und Beine, dafür macht er sich nicht krumm. Er hat überhaupt nichts mit Böhmen zu tun, obwohl auch aus ihm Musik kommen kann. Wenn er es nicht schon zu kleinbürgerlich findet, zur Blockflöte zu greifen. Denn der Bohèmien als Vertreter der Bohème hasst alles Kleinbürgerliche - und zählt hingegen zum bürgerlich-dekadenten Milieu ungebunden lebender Nichtsnutze. Die Nichtsnutze sind von mir - der Rest steht haargenau so im Wörterbuch. Aber die Herren Wörterbüchler behaupten, dass es sich bei der Bohème um protestierende Schriftsteller, Künstler und Studenten handeln soll. Das erscheint mir für die Puffbohnenbohème unpassend. Die hält sich zwar für so etwas, übt aber keine der drei genannten Beschäftigungen erfolgreich aus. Und Protestieren gegen Kleinbürger ist in Erfurt nahezu unmöglich.
Denn Erfurt ist eine Arbeiterstadt, in der Arbeiter wohnen und mehr und mehr ehemalige Arbeiter. Da muss man die Kleinbürger, gegen die man protestieren will, suchen. Da gibt es den Feind nur handverlesen. Aber dahinten kommt gerade einer, den schmollen wir jetzt rasch an! So!
Glücklicherweise rammeln täglich jede Menge Bildungstouristen über die Krämerbrücke. Der Feind kommt von draußen und reist als Fremdkörper schier endlos an - wie ein nachwachsender Rohstoff. Da hat die Puffbohnenbohème wirklich Schwein gehabt - und benutzt diese Leih-Feinde nur zu gern.
Denn die Krämerbrücke wiederum ist der Hort der Puffbohnenbohème. Das ist ihr Lebensziel - einmal auf der Krämerbrücke zu wohnen und sich dumm und dämlich an den Nebenkosten zu zahlen. Denn warm kriegt man die Brückenstübchen nicht. Das Wasser darunter macht kalt und alt. Dafür kann der, der auf der Brücke wohnt, den Feind aus erster Hand verachten und ihm albernen Ramsch andrehen: Kettchen, Bildchen, Hölzchen, Büchlein.
Wenn der Puffbohnenbohèmien das überhaupt schafft, etwas zu verkaufen und somit erwiesenermaßen aktiv zu werden. Denn eigentlich tut die Puffbohnenbohème - nichts! Sie muss ja stets und ständig darüber schwadronieren, wer nun dieses Wort eigentlich erfunden hat und wie schön es doch ist, als Künstler unter anderem auf der Krämerbrücke sein Dasein zu fristen.
Schenken wir den nicht mehr ganz jungen Menschen dieser Gruppe eine Plüsch-Puffbohne aus der Touri-Info! So etwas Weiches hilft auf dem harten Weg durchs Leben.

Diese und andere Betrachtungen zum Zeitgeschehen könnt Ihr auch im Buch "Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena" lesen, erschienen im Salier-Verlag.

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Wort: André Kudernatsch / Bild: Ernie Le Coq