www.mobook.de

Dr. Winters Kolumne

Schritt für Schritt


Liebe Freunde, da brauchen wir überhaupt nicht zu diskutieren, seitdem Jörg Kachelmann vom Bildschirm verschwunden ist, kann man das Wetter kaum noch ertragen.

Es ist doch ganz offensichtlich, dass in diesem Sommer mehr Regen gefallen ist, als es Wasser auf der Welt gibt. Es hat einfach immer geregnet und überall. Auch während meines Urlaubes an der Ostsee. Da ganz besonders. Schon während meiner Anreise. Ich bin im Regen durch Dörfer gefahren, die solch bemerkenswerte Namen wie Rohrlack oder Protzen getragen haben, und in denen es Geschäfte gegeben hat, in denen man nichts anderes als Faschingskostüme und Nistkästen kaufen konnte. Die Wohnhäuser dort sind winzig klein gewesen und haben sich nur wenige Zentimeter über den Erdboden erhoben, lediglich die Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr ragten überdimensional und pompös in den nasskalten Himmel. Doch das nur nebenbei. Als ich in meinem Urlaubsort angekommen bin, hat es natürlich weitergeregnet. Deswegen habe ich in diesem Jahr die Ostsee als solche überhaupt nicht gesehen, sondern bin nie weiter als bis zum Fenster meiner Ferienwohnung gekommen, von wo aus ich die durch den Regen gehenden anderen Urlauber beobachtet habe. Davon bin ich natürlich kein bisschen braun geworden, aber es war nicht uninteressant. Man macht sich überhaupt keine Vorstellung, wie unterschiedlich sich die Menschen fortbewegen. Jeder läuft anders. An den Schritten offenbart sich der Charakter in einer nichts zu wünschen übrig lassenden Deutlichkeit. Es gibt die schnell dahineilenden Schritte, die ein starkes Rudern beider Arme in der Luft erfordern, Schritte, die mit einem stark schwankenden Oberkörper und häufigem Wechsel der Straßenseite kombiniert sind, und es gibt Leute, die sich dadurch fortbewegen, dass sie immerzu stehen bleiben. Es gibt Schritte, die an ein ständiges Nach-Vorn-Umkippen erinnern, es gibt das ganz normale und das vom Humpelnden als schön empfundene, affektierte Humpeln, es gibt Schritte, bei denen nur ein Fuß schlurft und Schritte, bei denen beide Füße schlurfen, es gibt Schritte, bei denen das Schienbein über die Höhe des Knies hinaus geschleudert wird, und Schritte, die mit verschränkten Armen und auf den Bordstein gesenkten Augen unternommen werden. Es gibt schnelle, gesprintete Schritte, die vor allem bei Frauen von einem regelmäßigen Hinterwerfen des Kopfes begleitet werden, es gibt diesen etwas pummlig wirkenden, mit einem ausgestreckten und einem eingeknickten Bein ausgeführten Schritt, den ausschließlich auf Zehenspitzen getätigten, federnden, immer die Möglichkeit eines plötzlichen Abhebens und Davonfliegens in sich tragenden Schritt, den forschen, rücksichtslosen Schritt, der alles niederwalzt und zur Seite drängt, was ihm in den Weg kommt, es gibt den verschämten, huschenden "Entschuldigen Sie vielmals, dass es mich gibt"-Schritt, und den flatternden, lebenslustigen Schritt, bei dem eine Beuteltasche nach vorn und hinten und nach links und rechts geschlenkert wird. Ganz besonders auffällig sind in diesem Jahr Schritte mit weit auseinander klaffenden Beinen über große Pfützen und zu reißenden Bächen angeschwollenen Rinnsalen gewesen. Wie gesagt, mit Kachelmann hätte es so etwas nicht gegeben! Schnellen Schrittes auf das Ende dieser Kolumne zueilend verbleibe ich Euer

Doktor Bingham Owens Winter